2. Warum Wertschätzung heute so notwendig ist – ein Ausblick am Anfang
Neben dem Hinweis Erich Fromms auf die Veränderungen des Charakters von einem innengelenkten und werteorientierten Charakter hin zu einem markt- oder marketingorientierten Charakter ab den späten 1940er-Jahren möchte ich auf zwei gesellschaftliche Felder verweisen, die auf eindrückliche Weise Fromms Überlegungen bestätigen und verdeutlichen, wie notwendig Wertschätzung heute ist und welche Chance wertschätzende Beziehungen bieten. Dazu kommen ausführlich eine Grundschullehrerin und ein Unternehmer zu Wort. Sie haben in ihren Organisationen wertschätzende Umgangsformen eingeführt und sie zeigen, wie sich dadurch die Institution „Schule“ verändert und das Unternehmen grundlegend gewandelt hat.
2.1 Arbeitsfeld Schule: Zustand und Vision
In einer Befragung von Studierenden „gaben nur 23 % der ehemaligen Schülerinnen und Schüler an, von Lehrkräften keine Kränkung erfahren zu haben, alle erinnerten sich jedoch an Kränkungen von Mitschülern, die sie miterlebt hatten“9. Zu ähnlichen Ergebnissen „kommen die Beobachtungsstudien im Projektnetz INTAKT (Soziale INTerAKTionen in pädagogischen Arbeitsfeldern). Dabei handelt es sich um einen Verbund, in dem Lehr- und andere Forschungsprojekte kooperieren, um Wissen über Formen pädagogischer Interaktionen und deren Verbreitung zu gewinnen.“ … Die Ergebnisse der „kodierten Interaktionsformen der Verletzung“ lassen sich „in folgender holzschnittartiger Faustregel zusammenfassen: Durchschnittlich kategorisierten die Beobachtenden drei Viertel der Lehrer-Schüler- bzw. Erzieher-Kind-Interaktionen als anerkennend und neutral, während sie ca. 20 % als leicht verletzend bzw. ambivalent und mehr als 5 % als stark verletzend einordneten. Seelische Verletzungen bilden in pädagogischen Institutionen die am häufigsten vorkommende Form der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.“10
Eine Gruppe um die Pädagogin Annedore Prengel hat in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Menschenrechtsbildung an der Rochow-Akademie aufgrund dieser und anderer Forschungen in den „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ neben Handlungsebenen zur Stärkung pädagogischer Ethik sechs Feststellungen unter der Überschrift „Was ethisch begründet ist“ sowie vier unter „Was ethisch unzulässig ist“ formuliert. Die erste dieser Formulierungen lautet: „Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt.“11
Die Grundschullehrerin Annette Pfisterer beschreibt, wie sich Schule zu einer „wertschätzenden Institution“ entwickeln kann: „Eine Grundschule kann beispielsweise mit einem ‚Wertschätzungstag‘ beginnen, an dem alle Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern sich zu einem gemeinsamen Frühstück in der Schule treffen. Unter Anleitung eines professionellen ‚Wertschätzungscoachs‘, der zunächst eine inhaltliche Einstimmung in den Thementag gibt, tauschen sich Kinder und Erwachsene in kleinen Gruppen zunächst darüber aus, wo sie im Schulalltag ‚Wertschätzung‘ erleben. Die Ergebnisse werden auf kleinen bunten Notizzetteln festgehalten und an Pinnwänden präsentiert. In einem weiteren Schritt sprechen Kinder und Erwachsene darüber, wo sie sich noch mehr Achtung, Anerkennung und Wertschätzung im Schullalltag wünschen. Schließlich werden gemeinsam konkrete Schritte überlegt, wie die Wünsche der am Schulleben B