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Bedrückende Erschütterungen der einen oder anderen Art – die Luftangriffe auf England, der Rückzug aus Griechenland – hatten die neuesten Hintergrundgeräusche zu den Proben geliefert, die nie ein Ende zu nehmen schienen und den Wunsch weckten, der Vorhang solle endlich hochgehen zur angekündigten Vorstellung, welche Form sie auch immer annehmen möge. Doch das Datum der Premiere lag in anderen, lag nicht in unseren Händen; und bis dahin, daran konnte niemand zweifeln, würden weitere Proben, viel, viel mehr Proben, auf lange Zeit notwendig sein. Obwohl dies vielleicht entmutigende Gedanken waren, überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Zufriedenheit, als der Zug die Londoner Außenbezirke erreichte. Die Frühlingssee war in der vorhergehenden Nacht rau gewesen, die Eisenbahnwagons wie üblich überfüllt, als wir uns in träger Fahrt durch die Dunkelheit gen Süden schlängelten, von Zeit zu Zeit in Gebiete einfahrend – in ihnen haltend – sie dann verlassend –, in denen Fliegeralarm herrschte. Vom Zugfenster aus gesehen vermittelten die verlassenen Straßen und ausgebrannten Gebäude der Vororte dem Auge das Bild einer verlassenen Stadt. Dennoch, ich fühlte mich voller Hoffnung.
Meine Londoner Kontakte mussten in die Reihe gebracht werden. Ein Brief von Chips Lovell, der erst am Tag zuvor angekommen war, machte eine Vereinbarung mit Moreland, an diesem Tag mit ihm zu Abend zu essen, kompliziert. Lovell hatte gehört, dass ich auf Urlaub kommen werde, und wünschte, mit mir über ›Familienangelegenheiten‹ zu sprechen. Das war im Prinzip ein ganz vernünftiges Motiv, in der Praxis allerdings, wenn man es im Zusammenhang mit den angeblichen ›Schwierigkeiten‹ mit Priscilla betrachtete, ein beunruhigendes Wort. Lovell war in der Marine. Er war während der Zeit ihrer großen Expansion zu Anfang des Krieges zum Offizier ernannt und bald danach an der Ostküste stationiert worden. Er musste allerdings inzwischen versetzt worden sein, denn er gab die Nummer einer Londoner Telefonvermittlung (mit Nebenapparat) an, wo ich ihn erreichen könne, erwähnte jedoch nicht, was sein neuer Job beinhalte.
Zuerst wählte ich die Nummer, die mir Greening von General Liddament gegeben hatte. Major Finns Stimme am Telefon klang ruhig und tief, fest und überzeugend. Ich begann, ihm meine Geschichte zu erzählen. Er unterbrach mich sofort, offenbar bereits darüber informiert, was kommen würde – ein weiterer Beweis für die Fähigkeit des Generals, Gedanken in die Tat umzusetzen. Ich erhielt die Instruktion, mich später im Verlauf des Tages bei einer Adresse in Westminster zu melden. Das erlaubte mir eine Atempause. Hundert verschiedene Dinge mussten erledigt werden, ehe ich aufs Land fahren konnte. Nach meinem Telefonat mit Major Finn rief ich Lovell an.
»Also, Nick, ich hätte nie gedacht, du würdest dich so bald melden«, sagte er, ehe ich noch Zeit hatte, einen Vorschlag zu machen. »Es haben sich neue Entwicklungen ergeben, und deshalb bin ich heute Abend schon zum Dinner verabredet – die erste Verabredung seit Monaten –, aber das macht esnur noch dringlicher, mit dir zu reden. Über Mittag bin ich mit Arbeit zugedeckt – kann höchstens zwanzig Minuten Pause machen –, aber wir könnten später etwas zusammen trinken. Wie wär’s, wenn wir uns in der Nähe des Restaurants träfen, wo du zu Abend essen wirst, denn ich kann hier frühestens um sieben wegkommen.«
»DasCafé Royal – mit Hugh Moreland.«
»Ich komme, so früh ich kann.«
»Hugh sagte, er käme so gegen acht.«
Mir schien es notwendig zu betonen, dass Lovell, wenn er sich zu lange bei mir in dem Restaurant aufhalte, Moreland begegnen würde. Dieser Hinweis war eher in Morelands Interesse gegeben als in Lovells. Lovell hatte die frühere Nähe zwischen Priscilla und Moreland nie etwas ausgemacht. Vielleicht hatte Priscilla ihrem Mann gesagt, dass die ganze Affäre mit Moreland völlig fruchtlos gewesen sei, nie körperliche Formen angenommen habe. Vielleicht aber auch nicht. Wenn sie das getan hatte, mochte Lovell ihr geglaubt haben – oder auch nicht.