: P. Howard, Jen? Rejt?
: Ein Seemann und ein Gentleman Roman
: Elfenbein Verlag
: 9783941184909
: 1
: CHF 16.20
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 180
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Rule, Britannia! Britannia, rule the waves!', so schmetterte das Triumphlied der stolzen britischen Weltmacht auf allen Meeren, um die Hegemonie jenes Empires zu verkünden, das der Welt den Five o'Clock Tea brachte. Aber für den aufmerksamen Beobachter waren bereits bedeutungsvolle Risse in diesem Bild zu erkennen: Der junge König dankt wegen einer geschiedenen Frau ab, Mahatma Gandhi mobilisiert barfuß die Massen Indiens, und England verliert zum x-ten Mal die Fußballweltmeisterschaft ... Vor allem aber erschütterte ein bisher nie gehörter Skandal das Selbstbewusstsein der englischen Elite, die es verstand, die Geschichte bis heute geheimzuhalten. P. Howard aber erzählt sie: Eine kleine Truppe verwegener Hafendesperados unter der fachmännischen Leitung von 'Fred Unrat, dem Kapitän', den die Leser bereits aus dem Roman 'Ein Seemann von Welt' kennen, stiehlt den Panzerkreuzer 'Radzeer', um in Burma einen englischen Offizier und Erfinder aus den Klauen der Fremdenlegion zu befreien. Zu diesem Zweck eine 'Aktiengesellschaft' zu gründen ist die Idee des jungen rothaarigen Schmugglers 'Rostig', der sich in einer Seemannspinte von Piräus in 'Bubi', die Schwester des Erfinders, verliebt ... 'Ein Seemann und ein Gentleman' (Originaltitel: 'Az elveszett cirkáló', 1938), dieser genial verwickelte, ironische Abenteuerroman, ist der erste in jener legendären Kette weltumspannender Gaunergeschichten P. Howards, die noch nach sechzig Jahren Furore machen.

Unter dem Pseudonym P. Howard (1905-1943) veröffentlichte Jen? Reich alias Jen? Rejt? im Budapest der 30er Jahre seine unnachahmlichen ironischen Geschichten, die in Ungarn bis heute ungezählte Neuauflagen erlebt haben. Seine absurden Dialoge sind die einzigartige Würze der Romane Jen? Rejt?s. Nicht weniger abenteuerlich tragikomisch war seine Lebensgeschichte: Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, wollte er nach dem Abitur Schauspieler werden, brach die Ausbildung aber ab, um durch die Welt zu streunen. In Afrika wurde er angeblich Fremdenlegionär, und mit 28 Jahren verschlug es ihn wieder nach Hause, wo er mit seinen Romanen immer erfolgreicher wurde. Der Verlag Nova riet ihm zu einem englischen Pseudonym - so wurde aus Jen? Rejt? P. Howard, ein Parodist von Abenteuer- und Kriminalromanen. Während des Krieges wurde er von den Nazis zum Arbeitsdienst nach Woronesch (Ukraine) deportiert, wo er am Neujahrstag 1943 erfror. In Ungarn zählt P. Howard, der Meister des Katastrophenwitzes, zu den beliebtesten Schriftstellern. In den kongenialen Übersetzungen von Vilmos Csernohorszky jr. erschienen bereits die Romane: 'Ein Seemann von Welt' (2004), 'Ein Seemann und ein Gentleman' (2008), 'Ein Seemann in der Fremdenlegion' (2012), 'Ein Seemann und ein Musketier' (2014), 'Ein Seemann aus der Neuen Welt' (2016)

Erstes Kapitel


Es findet eine Auseinandersetzung statt. Tatort: eine Schenke im Hafen von Piräus. Der Wirt rettet den Whisky, lässt aber das Fenster nicht richten.


1.


Es war der seltsamste junge Mann, den sie je gesehen hatten. Und wenn man bedenkt, dass sein Hals gerade in den Pranken des Krokodils steckte, verhielt er sich sogar ziemlich ruhig. Es kann aber auch sein, dass er schon erstickt war und deshalb so unbewegt und mit geschlossenen Augen, den Hals zwischen den riesigen Händen des Krokodils eingekeilt, seinen für den Augenblick unbequemen Zustand erduldete. Gegenüber der »Tischgesellschaft der Scharfrichter«, deren Kassenwart das Krokodil war, standen scheinbar gleichgültig, aber trotzdem in einer gewissen Erwartungshaltung, die drei Psychotherapeuten. Ihren Namen verdankten sie dem Verschwinden zweier Matrosen der französischen Kriegsmarine. Die beiden Seeleute hatten früher die Angewohnheit, seitens obiger dreiköpfiger Gesellschaft erbeutetes Diebesgut regelmäßig auf dem Kreuzer »Maréchal Joffre« weiterzubefördern, und zwar ohne Wissen der Vorgesetzten, versteht sich. Eines Tages aber waren sie einfach abgesegelt, ohne den Gegenwert der Ware auszuhändigen. Ihr Schiff befand sich nämlich für längere Zeit in den in­dischen Ge-wässern. Nach einem Jahr waren sie bar jeglichen Argwohns zurückgekehrt, vertrauten sie doch auf die mensch­liche Vergesslichkeit. Die drei Schmuggler hatten sich jedoch nicht als zerstreut erwiesen, so dass sich die Spur dieser leichtsinnigen Matrosen verlor. Es heißt, vorher hätten die Geschädigten die Matrosen überredet, sich über das Versteck der mitgebrachten Schmuggelware zu äußern. Die beiden Matrosen pflegten nämlich Schmuggelware nicht nur zu exportieren, sondern auch zu importieren. Es heißt auch, einer von ihnen sei im Laufe der von den Psychotherapeuten zwecks besserer Erinnerung verabreichten Entspannungsübung gestorben. Der andere jedoch habe seinen Assoziationen so weit freien Lauf gelassen, dass der Schaden der drei Schmuggler mittels einer größeren Menge Rauschgift, das in einem Boot versteckt war, ersetzt werden konnte. Seit dieser Zeit heißen die drei Herren die »Psychotherapeuten«.

Die Tischgesellschaft der Scharfrichter entfaltete ihre gemeinnützige Tätigkeit zugunsten stellungsloser Matrosen, was insofern nicht ganz selbstlos war, als die Masse der hilfsbedürftigen Matrosen von den Mitgliedern ebendieser Tischgesellschaft gestellt wurde. Die Tischgesellschaft war im Grun­de ein Selbsthilfeverein, und dieses im engeren Sinne des Wortes, insofern man sich selbst half, und zwar un­ge­achtet der diesem Zwecke dienlichen Mittel, seien es Stemm­­eisen oder Messer.

Die Lage sah demnach so aus: Die Tischgesellschaft der Scharfrichter stand im Eingangsbereich der Kneipe, in ihrer Mitte ihr Kassenwart namens Krokodil, der den Hals eines Mannes in der Absicht in Händen hielt, den Besitzer des erwähnten Halses mittels angestrengten und längerfris­tigen Pressens den Erstickungstod sterben zu lassen. Ihnen gegenüber verharrten in scheinbarer Gleichgültigkeit, aber bis zu einem gewissen Grade in Erwartungshaltung die Psychotherapeuten, an ihrer Spitze »Rostig«, mit einem Glimmstengel zwischen den Zähnen. Der andere Psychotherapeut hieß »Herr Chefarzt«, da er einen seiner Freunde, der sich während des Beuteverteilens blöd stellte, stundenlang mit einer solchen Geduld vermöbelte, dass der Betreffende nach einem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt dennoch bei vollem Verstand in die Gesellschaft der Vorstadt zurückkehrte und – um einer Wiederholung der Heilbehandlung vorzubeugen – den berechtigten Ansprüchen des Chefarztes Genüge leistete. Der dritte der Psychotherapeuten hieß mit anständigem Namen »Keule« und stand ein wenig rechts vom Chefarzt. Er kratzte sich die Achsel, aber nur um unter seinem Mantel nach dem vierfach gedrehten Drahtseil mit dem großen Eisenstück zu tasten. Nach diesem besonderen Schlaginstrument hatte man ihn Keule genannt.

»He, Krokodil! Was wollt ihr von diesem Bengel? Soviel ich sah, hatte er die Absicht, sich an unseren Tisch zu setzen«, sagte Rostig mit schläfriger Stimme.

Das Krokodil ließ den Hals des jungen Mannes ein wenig los, da es ihm nicht behagte, während eines Gesprächs tätlich gegen eine andere Person vorzugehen.

»Wir suchen schon lange nach einem Spitzel, der alles weitermeldet. Und ich glaube, es ist der da, den ich gerade er­würge.«

»Sieh mal, Krokodil, ich gebe zu, es ist jedermanns ernstzunehmende Privatangelegenheit, wen er erwürgt und wen nicht. Aber dieser Junge wollte sich eigentlich an unseren Tisch setzen, als du ihn am Kragen packtest. Zuerst soll er mal sagen, was er uns vielleicht ausrichten sollte, und dann kannst du ihn, wenn du ihn wirklich für ein