Erstes Kapitel
Es findet eine Auseinandersetzung statt. Tatort: eine Schenke im Hafen von Piräus. Der Wirt rettet den Whisky, lässt aber das Fenster nicht richten.
1.
Es war der seltsamste junge Mann, den sie je gesehen hatten. Und wenn man bedenkt, dass sein Hals gerade in den Pranken des Krokodils steckte, verhielt er sich sogar ziemlich ruhig. Es kann aber auch sein, dass er schon erstickt war und deshalb so unbewegt und mit geschlossenen Augen, den Hals zwischen den riesigen Händen des Krokodils eingekeilt, seinen für den Augenblick unbequemen Zustand erduldete. Gegenüber der »Tischgesellschaft der Scharfrichter«, deren Kassenwart das Krokodil war, standen scheinbar gleichgültig, aber trotzdem in einer gewissen Erwartungshaltung, die drei Psychotherapeuten. Ihren Namen verdankten sie dem Verschwinden zweier Matrosen der französischen Kriegsmarine. Die beiden Seeleute hatten früher die Angewohnheit, seitens obiger dreiköpfiger Gesellschaft erbeutetes Diebesgut regelmäßig auf dem Kreuzer »Maréchal Joffre« weiterzubefördern, und zwar ohne Wissen der Vorgesetzten, versteht sich. Eines Tages aber waren sie einfach abgesegelt, ohne den Gegenwert der Ware auszuhändigen. Ihr Schiff befand sich nämlich für längere Zeit in den indischen Ge-wässern. Nach einem Jahr waren sie bar jeglichen Argwohns zurückgekehrt, vertrauten sie doch auf die menschliche Vergesslichkeit. Die drei Schmuggler hatten sich jedoch nicht als zerstreut erwiesen, so dass sich die Spur dieser leichtsinnigen Matrosen verlor. Es heißt, vorher hätten die Geschädigten die Matrosen überredet, sich über das Versteck der mitgebrachten Schmuggelware zu äußern. Die beiden Matrosen pflegten nämlich Schmuggelware nicht nur zu exportieren, sondern auch zu importieren. Es heißt auch, einer von ihnen sei im Laufe der von den Psychotherapeuten zwecks besserer Erinnerung verabreichten Entspannungsübung gestorben. Der andere jedoch habe seinen Assoziationen so weit freien Lauf gelassen, dass der Schaden der drei Schmuggler mittels einer größeren Menge Rauschgift, das in einem Boot versteckt war, ersetzt werden konnte. Seit dieser Zeit heißen die drei Herren die »Psychotherapeuten«.
Die Tischgesellschaft der Scharfrichter entfaltete ihre gemeinnützige Tätigkeit zugunsten stellungsloser Matrosen, was insofern nicht ganz selbstlos war, als die Masse der hilfsbedürftigen Matrosen von den Mitgliedern ebendieser Tischgesellschaft gestellt wurde. Die Tischgesellschaft war im Grunde ein Selbsthilfeverein, und dieses im engeren Sinne des Wortes, insofern man sich selbst half, und zwar ungeachtet der diesem Zwecke dienlichen Mittel, seien es Stemmeisen oder Messer.
Die Lage sah demnach so aus: Die Tischgesellschaft der Scharfrichter stand im Eingangsbereich der Kneipe, in ihrer Mitte ihr Kassenwart namens Krokodil, der den Hals eines Mannes in der Absicht in Händen hielt, den Besitzer des erwähnten Halses mittels angestrengten und längerfristigen Pressens den Erstickungstod sterben zu lassen. Ihnen gegenüber verharrten in scheinbarer Gleichgültigkeit, aber bis zu einem gewissen Grade in Erwartungshaltung die Psychotherapeuten, an ihrer Spitze »Rostig«, mit einem Glimmstengel zwischen den Zähnen. Der andere Psychotherapeut hieß »Herr Chefarzt«, da er einen seiner Freunde, der sich während des Beuteverteilens blöd stellte, stundenlang mit einer solchen Geduld vermöbelte, dass der Betreffende nach einem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt dennoch bei vollem Verstand in die Gesellschaft der Vorstadt zurückkehrte und – um einer Wiederholung der Heilbehandlung vorzubeugen – den berechtigten Ansprüchen des Chefarztes Genüge leistete. Der dritte der Psychotherapeuten hieß mit anständigem Namen »Keule« und stand ein wenig rechts vom Chefarzt. Er kratzte sich die Achsel, aber nur um unter seinem Mantel nach dem vierfach gedrehten Drahtseil mit dem großen Eisenstück zu tasten. Nach diesem besonderen Schlaginstrument hatte man ihn Keule genannt.
»He, Krokodil! Was wollt ihr von diesem Bengel? Soviel ich sah, hatte er die Absicht, sich an unseren Tisch zu setzen«, sagte Rostig mit schläfriger Stimme.
Das Krokodil ließ den Hals des jungen Mannes ein wenig los, da es ihm nicht behagte, während eines Gesprächs tätlich gegen eine andere Person vorzugehen.
»Wir suchen schon lange nach einem Spitzel, der alles weitermeldet. Und ich glaube, es ist der da, den ich gerade erwürge.«
»Sieh mal, Krokodil, ich gebe zu, es ist jedermanns ernstzunehmende Privatangelegenheit, wen er erwürgt und wen nicht. Aber dieser Junge wollte sich eigentlich an unseren Tisch setzen, als du ihn am Kragen packtest. Zuerst soll er mal sagen, was er uns vielleicht ausrichten sollte, und dann kannst du ihn, wenn du ihn wirklich für ein