: Anthony Powell
: Bei Lady Molly Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 4
: Elfenbein Verlag
: 9783941184794
: 1
: CHF 16.20
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Im vierten Band besucht der Erzähler während eines Wochenendaufenthalts ein Schloss, wo er seine zukünftige Frau kennenlernt. Der historische Hintergrund scheint dabei immer wieder überraschend schlaglichtartig auf.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: »I am lucky to have him as a translator.«

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Wir waren mit General Conyers seit undenklichen Zeiten bekannt gewesen – nicht etwa, weil mein Vater je unter ihm gedient hätte, sondern durch eine lang vergessene Verbindung mit den Eltern meiner Mutter, mit denen er sogar entfernt verwandt gewesen sein mochte. Wie auch immer, es stand fest, dass er in jener weit zurückliegenden Ära, als man Linienregimenter noch mit einer Nummer statt mit dem Namen einer Grafschaft bezeichnete, wenn auch damals Offiziers­patente wohl nicht länger käuflich waren, in ihrem Hause zu verkehren pflegte. Obwohl er dieser dunklen, archaischen Periode zugehörte, von der sich auch manchmal Spuren in seiner Kleidung und seiner Sprechweise offenbarten – er war zum Beispieleiner der Letzten, die von der Gardekavallerie als»die Hüpfer«sprachen –, hatte er in unseren Familiengeschichten einen Platz nicht nur als ein Soldat, dessen Interessen über seinen Beruf hinausgingen, sondern auch als ein Mann von Welt, der immer»mit den neuesten Entwicklungen Schritt hielt«. Diese Neigung, mit der Mode zu gehen und zu jedem Thema seine Meinung beizusteuern, wurde ihm von einigen Leuten übelgenommen – besonders von Onkel Giles, der zeitnahes Den­ken nie liebte und aus Prinzip misstrauisch gegenüber jedem weltlichen Erfolg war, wie bescheiden dieser auch sein mochte.

»Aylmer Conyers hatte ein Gespür dafür, Karriere zu machen«, pflegte er zu sagen. »Das ist eigentlich nichts Schlimmes, meine ich. Jemand muss ja die Befehle geben. Ich persönlich hab mir nie viel daraus gemacht, im Mittelpunkt zu stehen. Es gab genug andere, die sich nach vorn drängten. Hattene hohe Meinung von sich selbst, Conyers. Stattlicher Mann, sagten die Leute immer, neigt ein bisschen zu sehr dazu, sich aufzutakeln. Ist auch nicht ganz ohne Freunde in hohen Stellen. Ganz im Gegenteil, ob im Krieg oder im Frieden, Conyers kannte immer die richtigen Leute.«

Ich hatte mich einmal bei ihm über die Feldzüge des Generals erkundigt.

»Afghanistan, Burma – als Leutnant. Ich hab mal gehört, wie er groß über Zululand angegeben hat. Er war eine Zeitlang im Sudan, als der Khalifa dort Ärger machte. Übernahm gerne Aufgaben im Ausland. Angeblich soll er einem Eingeborenenherrscher bei irgendeinem lokalen Krawall das Leben gerettet haben. Rüstete die Palasteunuchen mit Vogelflinten aus. Der Mann schenkte ihm dann einen mit Juwelen besetzten Krummsäbel – Halbedelsteine natürlich.«

»Ich hab den Krummsäbel gesehen, die Geschichte kannte ich noch nicht.«

Onkel Giles, der diese Unterbrechung ignorierte, erzählte mir dann, wie Aylmer Conyers Südafrika, das Grab so vieler militärischer Reputationen, zu seinem Vorteil genutzt hatte. Da mein Onkel selbst, infolge eigener Unbedachtsamkeiten, kurz vor Ausbruch des Krieges in Transvaal seinen Abschied von der Armee genommen hatte und da er zudem, wie es für einen Mann, der sich für »so etwas wie einen Radikalen« hielt, angemessen war,pro-burischeAnsichten vertrat, sprach er immer mit einer zweifellos in großem Maße berechtigten Schärfe von der Art, wie die Operationen des Feldzugs geführt worden waren.

»Nachdem French den Modder-Fluss überquert hatte, erhielt die gesamte Kavalleriedivision den Befehl zum Angriff. Etwas noch nie Dagewesenes. Wie ein Reitsportfest.«

»Ja?«

Er verlor für ein oder zwei Minuten den Faden, versunken in die Vorstellung, wie staubige Reiterschwadronen auf demVeldtvon der Kolonne in die Linien schwenkten; oder, was wahrscheinlicher war, geplagt von eigenen Erinnerungen, weniger dramatisch, wenn auch bitterer.

»Was passierte?«

»Was?«

»Was passierte, als sie angriffen?«

»Cronje beurteilte ausnahmsweise die Lage falsch. Er schickte nur einige Abteilungen los. Wir brachen durch