: Anthony Powell
: Das Tal der Gebeine Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 7
: Elfenbein Verlag
: 9783941184824
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 276
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Im siebten Band bildet das Jahr 1940, in dem Churchill Premierminister wird und Italien in den Krieg eintritt, den historischen Hintergrund.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: »I am lucky to have him as a translator.«

2


Der Marschbefehl kam etwas mehr als eine Woche später – bevor mir noch recht bewusst wurde, dass es kein Traum war, durch den ich mich jetzt bewegte, in dem Lon­don ebenso weit von mir entfernt war wie von Kedward und in dem Isobels Briefe die einzigen Restbestände einer Welt bildeten, die von anderen Dingen als den Übungen mit dem Zug und der Einteilung der Wachen bestimmt wurde. Als ob ich in einem Drogenrausch oder durch eine zwanghaft hypnotische Willensbeeinflussung auf künstlichem Wege eine andere Welt betreten hätte, durch die ich jetzt unwiderstehlich und bedroht zu reisen hatte, so wie Dr. Trelawney und seine Mitmagier durch ihren Zauber auf die Astralebene hinausgetragen worden waren. Jetzt endlich war mein Leben auf die Maschinerie des Krieges ausgerichtet, nicht länger ein fremder Organismus, der getrennt von mir unter zunehmend bedenklichen Bedingungen existierte. Für den Augenblick erlaubten Routinepflichten kaum das Nachdenken. Ein Tag war mit hektischem Packen ausgefüllt. Dann musste das ganze Bataillon antreten. Befehle wurden gerufen. Wir rückten in Marschkolonnen aus und ließen Sardis hinter uns, eine der Sieben Kirchen Asiens, wo die Kleider jener wenigen, die unbesudelt blieben, weiß waren. Obwohl sie ihre eigene Nachbarschaft, ihr eigenes Land verließen, waren die Männer in einer ziemlich aufgekratzten Stimmung. Endlich passierte etwas. Sie sangen leise:

»Führ mich, o du großer Gott,

Pilger durch dies dürre Land:

Ich bin schwach, doch du bist mächtig,

Halt mich fest in deiner Hand,

Brot des Himmels,

Brot des Himmels,

Nähr mich, bis ich nicht mehr mag …«

Welche Form dieses Singen während des Marschierens auch immer annahm, es betonte stets das Auf und Ab des Lebens, die so oft zum Schlechteren führenden Veränderungen, von denen die menschliche Existenz besonders in der Armee und besonders in Kriegszeiten heimgesucht wird. Nach einer Weile gaben sie das Kirchenlied auf, nicht jedoch die gewohnten Themen Unsicherheit, Entbehrungen, Langeweile, Niedergeschlagenheit, vergebliche Mühen, über die nachzusinnen dem Soldaten so viel Halt gibt:

»Wir mussten rein,

Wir mussten rein,

Wir mussten rein in die britische Army:

Der Sold ist mies,

Das Essen fies,

Die Stiefel so groß, du kriegst Blasen.

Wir mussten rein,

Wir mussten rein,

Wir mussten rein in die britische Army:

Wir sitzen im Gras

Nach langem Marsch,

ne schwarze Spinn’ läuft dir über den – Rücken.

Wir mussten rein – wir mussten rein –

Wir mussten rein – wir mussten rein …«

Gwatkin befand sich in einem Zustand unverhohlener Erregung. Er brüllte seine Befehle so laut heraus, dass es sich anhörte, als kämen sie über Megafon. Ständig kontrollierte er Kedward, Breeze und mich wegen ganz unbedeutender Dinge. Ich konnte Bithel noch so eben sehen. Er trottete dahin mit seinem Zug am Ende der Kompanie, die unmittelbar vor uns marschierte. Zum Antreten war er mit einem kleinen, grünen, arg ramponierten ledernen Reisenecessaire erschienen, das er jetzt beim Marschieren unter dem Arm hielt.

»Wollte es nicht zu dem schweren Gepäck geben«, sagte er, während er den abgetragenen wasserdichten Schonbezug zurechtzog, als wir zwanglos am Bahnhof herumstanden. »Es ist das einzige Gepäckstück meiner Mutter, das mir noch verblieben ist. Sie ist jetzt hinübergegangen in eine bessere Welt, wissen Sie.«

Die Eisenbahn setzte sich in Be