: Anthony Powell
: Könige auf Zeit Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 11
: Elfenbein Verlag
: 9783941184862
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 280
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus 'Ein Tanz zur Musik der Zeit' -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der 'Tanz' eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins 'Punch' und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus 'A Dance to the Music of Time'. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: 'I am lucky to have him as a translator.'

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 D
er Bragadin-Palastwar zu Fuß zu erreichen. Ich ging zusammen mit Gwinnett dorthin. Dass wir die Kenntnis einiger Umstände in Trapnels Leben teilten, hatte Gwinnett nicht weniger reserviert sein lassen. Er war höchstens noch mehrfaroucheals zuvor. Möglicherweise hatte er das Gefühl, es sei unklug gewesen, die Zitatensammlung erwähnt zu haben. Zwar hatte er betont, Trapnels ›Überbleibsel‹ enthielten wenig, das von Interesse sei, aber an Gwinnetts Stelle hätten viele Forscher ihre Existenz vielleicht geheim gehalten. In dieser Hinsicht konnte man ihn nicht ›zugeknöpft‹ nennen, wie Dr. Brightman ihn gelegentlich charakterisiert hatte. Sein Mangel an Resonanzbereitschaft war etwas, das weniger grob war als ›Zugeknöpftheit‹, etwas, das Begriffe wie ›Entfremdung‹ oder ›Zurückgezogenheit‹ suggerierte. Zweifellos war er nur einer von jenen nicht sehr seltenen Menschen, bei denen jede Folgebegegnung nach der ersten einen ganz neuen Start erforderlich macht. Es bleibt immer eine beklommene Stimmung. Ich hätte ihn gerne nach seiner Ansicht zu dem Ferrand-Sénéschal-Artikel befragt, den ich nur kurz überflogen hatte, aber etwas an Gwinnetts Verhalten ließ mir das nicht als den richtigen Moment erscheinen.

»Haben Sie jemanden getroffen, den Sie kannten, als Sie gestern Abend die Piazza erkundeten?«

»Wie meinen Sie das?«

»Sind Sie jemandem von der Konferenz begegnet?«

Gwinnett verdrehte seinen Hals.

»Nein.«

Er dehnte die Verneinung so, dass sie klang, als ob er die Frage für unerwünscht und ein wenig aufdringlich halte. Ich fragte ihn, ob er wisse, wie der Palazzo so sei. Diesmal reagierte er ausführlicher. Er begann mit einem Vortrag über venezia­nische Architektur, von der er offensichtlich einiges wusste, und empfahl danach das Buch über Venedig von William Dean Howells, das dieser geschrieben hatte, als er hier Konsul war. Dann ließ er von den Säulengängen und Giebeldreiecken ab und verfiel wieder in ein langes Schweigen, das den Wunsch suggerierte, in Frieden gelassen zu werden. Wir nahmen unseren Weg durch engecalleauf ein Gebiet jenseits der Accademia zu. Ich fragte mich, wie wir uns am besten aus der Peinlichkeit unserer gegenseitigen Gesellschaft befreien könnten, ohne diesen Wunsch zu offensichtlich werden zu lassen. Plötzlich kam Gwinnett mit einer Art Ruck aus seinem Traum heraus, mit einer seiner charakteristischen nervösen Bewegungen, die nicht unbedingt Verärgerung anzeigten. Er sprach jetzt, als ob er sich auf eine Sache beziehe, über die er schon eine Weile nachgedacht habe. Er benutzte dabei jenen gewohnheitsmäßig leisen Ton, der oft so schwer zu verstehen ist.

»Es scheint, Louis Glober ist ein Gast des Hauses im Palazzo.«

»Der Verleger?«

»Das war Glober mal. Er ist noch eine Menge anderer Dinge.«

»Als ich ihn vor Jahren kennenlernte, war er im Verlagsgeschäft. Deshalb ist er für mich immer noch ein Verleger. Ich war selbst bei einer Firma, die Kunstbücher produzierte. Er besuchte uns damals.«

»Glober wird jetzt mehr mit Filmen in Verbindung gebracht.«

»Wirklich?«

»Aber er besitzt auch so etwas wie eine Sammlung moderner Kunst.«

»Er war vor dreißig Jahren sehr stark an Malerei interessiert. Er wollte, dass meine Firma eine Serie über die Kubisten herausbrachte. Dabei haben wir uns kennengelernt. Es war eine ziemlich lustige Angelegenheit. Ich frag mich, ob er sich noch daran erinnert. Kennen Sie ihn?«

Gwinnett schüttelte den Kopf.

»Ich hab nur gerade einen Abschnitt über ihn in der Euro