Heinrich
Ich wünsche mir, ich könnte fliegen. Hoch über der Stadt meine Runden drehen, unter mir all die vielen Menschen, ganz klein. Die Wolken mit der Hand berühren, mich im hellen Blau langsam auflösen, ganz langsam durchsichtig werden, und leicht, so leicht.
Statt dessen fahre ich U-Bahn. Auch gut. Ich mag es, wenn die gelben Züge durch die langen, dunklen Tunnel rasen. Vor allem in Kurven, oder wenn sich die Trasse senkt, hat man das Gefühl zu schweben und ist so sicher dabei. So behütet. Allerdings, ich habe kein Geld. Deswegen muss ich mich vor den Kontrolleuren in Acht nehmen. Ich bekomme natürlich Geld vom Amt, aber irgendetwas ist da schiefgelaufen. Der Mann vom Amt war auch ganz komisch letztes Mal. Der war sauer auf mich! Hat mich zweimal rausgeschickt, ich solle »mich sammeln«. Jörg, der immer mit zum Amt kommt, hat auf mich eingeredet, aber ich weiß nicht, Jörg ist auch manchmal etwas merkwürdig. Aber mein Freund ist er natürlich trotzdem. Auch wenn ich ihn nicht oft sehe, weil er doch nie Zeit hat, wegen seiner Frau und den Kindern. Ich bin jedenfalls schwer auf Zack. Kontrolleure erkenne ich sofort.
Weil ich mir nämlich alle Menschen im Zug ganz genau anschaue. Am liebsten mag ich Kinder, die sind lustig, und ganz alte Leute. Und schöne Frauen. Am liebsten die Kinder. Und die Frauen, wenn sie sehr, sehr schön sind. Wunderbare Engel. Ob sie wirklich fliegen können?
Barbara
Ich kam von einem Freier in der Warschauer Straße. Einem freundlichen älteren Herrn, dessen Frau vor ein paar Jahren gestorben war und der mich hauptsächlich fürs Zuhören bezahlte. Ein lieber, witziger Kerl; vielleicht verbarg er hinter seinen Späßen aber auch nur seine Verzweiflung. Er hatte lustige Augen, die ganz traurig werden konnten. Irgendwie mochte ich ihn. Aber heute war einer dieser Tage, ich fühlte mich schmutzig. Die Wohntürme am Frankfurter Tor krallten sich im grauen Himmel fest, und ich lief eilig die Treppe zur U-Bahn hinunter. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause.
Anfang Mai, ein Montagnachmittag, Regenwetter, auf dem Bahngleis kaum Betrieb. Nur am Zeitungskiosk stand eine ältere Dame, am anderen Ende konnte man ein paar Jugendliche hören. Ich lief um den Treppenaufgang herum und setzte mich auf die Bank, um endlich meine hochhackigen Pumps gegen bequemere Turnschuhe zu tauschen. Tote Ecke. Kein Mensch an diesem Ende des Bahnsteigs.
Ich kramte in meiner Tasche, nestelte meine Turnschuhe heraus und suchte nach meinem Terminkalender. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich den Mann. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören. Er war groß und schlaksig und bewegte sich fahrig, flatterhaft. Er ging an der Bahnsteigkante auf und ab, den Kopf tief gesenkt, so dass seine schulterlangen Haare sein Gesicht verbargen. Jedes Mal bevor er wendete, legte er den Kopf in den Nacken, warf unentschlossen die Arme kurz hoch und drehte dann auf der Ferse um. Lautlos. Vor der gelben Notrufsäule blieb er schließlich stehen, beide Fußspitzen genau an der Bahnsteigkante, und ruckelte langsam hin und her. Als wollte er seine Schuhe an dem schwarzweißen Karomuster der Bodenfliesen ausrichten. Kindisch. Plötzlich warf er den Oberkörper nac