: Anthony Powell
: Tendenz: steigend Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 2
: Elfenbein Verlag
: 9783941184770
: 1
: CHF 16.20
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 296
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Im zweiten Band sehen wir den Protagonisten auf Bällen und Partys der Oberklasse, aber auch der Boheme, wo er neue und immer wieder alte Bekannte trifft - sowie erste Liebschaften erlebt.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: »I am lucky to have him as a translator.«

2


Onkel Giles’ Wertesystem war in den meisten Fällen nur schlecht dazu geeignet, von jemand anderem als ihm selbst angewandt zu werden. Dennoch verstehe ich jetzt, dass er durch seine bedenkenlose Verachtung allen menschlichen Verhaltens außer seines eigenen – das unter seinen engen Verwandten für alles andere als untadelig gehalten wurde – einen Spiegel hochhielt, um die verborgenen Unzulänglichkeiten fast jeder Situation, die ein momentaner Enthusiasmus vielleicht zuerst übersehen hat, stärker hervorzuheben. Genauer gesagt, seine Ansichten dienten ihm als eine Art Maßstab, dessen Proportionen kein irdisches Maß gewachsen war. Diese blinde Ver­urteilung von allem und jedem hatte ihn zweifellos mit ei­nem Schutzpanzer gegen einige der Enttäuschungen des Le­bens versehen; doch welche philosophische Befriedigung auch immer er von einer solchen Haltung ableitete, sie hatte sicherlich in keiner Weise meines Onkels Fähigkeit vermindert, zu jeder Zeit über die Anomalien gesellschaftlichen Verhaltens zu nörgeln, die seiner Meinung nach besonders seit dem Kriege überall zu finden seien. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, die Dinge mit den Augen Onkel Giles’ sehen zu wollen; aber einfach als außergewöhnliches Mittel bei dem Versuch, sich das Gefühl für die Proportionen zu bewahren – ein Geisteszustand, der, wie man sagen muss, nicht immer willkommen oder unmittelbar vorteilhaft ist –, sprach vielleicht doch einiges dafür, etwas von Onkel Giles’ Methode zu übernehmen. Es ist natürlich kein besonders profunder Gedanke, seine eigenen Angelegenheiten durch das Medium eines Freundes oder Verwandten zu betrachten; aber im Falle meines Onkels nahm ein auf diese Weise ins Auge gefasstes Blickfeld wahrscheinlich immer eine in so großem Maße nur für ihn selbst geltende Form an, dass fast jede von diesem Punkt aus betrachtete Szene auf Seiten eines anderen Beobachters eine äußerst drastische Neueinstellung verlangte.

Den Ball bei den Huntercombes zum Beispiel hätte er als einen jener formellen Anlässe abgetan, die ihm selbst, sozusagen per Definition, völlig unsympathisch waren. Onkel Giles verurteilte aus Prinzip jeden, der es sich leisten konnte, am Belgrave Square zu wohnen (denn er wiederholte oft in fast identischer Form Mr. Deacons Worte über Leute, »die mehr Geld haben, als gut für sie ist«), besonders wenn sie zusätzlich noch»Träger von Titeln«waren, wie er sie nannte; doch pflegte er manchmal in demselben Zusammenhang mit gesprächiger Vertraulichkeit, mehr sorgenvoll als ärgerlich, ein paar Angehörige seiner eigenen Generation zu erwähnen, die er in der Vergangenheit mehr oder weniger gut gekannt hatte und die durch Vererbung in jene unglückselige Lage gebracht worden waren. Aus irgendwelchen Gründen hegte er eine viel weniger starke Abneigung gegen erst kürzlich erworbene Vermögen – aus deren Besitzern er, zugegebenermaßen, gelegentlich geringfügigen Nutzen gezogen hatte –, vorausgesetzt, das Geld war von diesen Leuten in einer Weise angehäuft worden, die er und jeder andere, zumindest privat, mit gutem Gewissen verachten konnte, und durch Methoden, die allgemein als unentschuldbar galten. Es war jede Form von lange bestehendem Reichtum, an der er den größten Anstoß nahm, besonders dann, wenn sich zu dem Besitz von Land noch irgendwelche Beweise von Diensten an der Allgemeinheit gesellten, selbst wenn diese An­strengungen in einer ganz unauffälligen und offensichtlich harmlosen Form geleistet wurden wie etwa der Mitgliedschaft in einem Kreistag oder der Hilfe bei einem Schulfest.»Aufdring­liche Wichtigtuer«pflegte er die Betreffenden zu nennen.

Meines Onkels natürlich ebenso stark ausgeprägte Abneigung gegen Partys wie die von Mrs. Andriadis hätte, wenn ver­mieden werden sollte, dass er sich als ein allzu negativ aus­gerichteter Mitkämpfer in einer der rivalisierenden Gruppierungen engagierte, die Wahl einer vorsichtigeren Methode ver­langt als jener, die er sich zu eigen gemacht hätte, um seine potentielle Missbilligung der Huntercombes zur Schau zu stellen; denn dadurch, dass er zu heftig Partei ergriffen hätte, wäre er möglicherweise leicht in eine Position geraten, in der er das eine oder andere System menschlicher Lebensführung verteidigte, das man ihn normalerweise in ei