: Anthony Powell
: Die Welt des Wechsels Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 3
: Elfenbein Verlag
: 9783941184787
: 1
: CHF 16.20
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 236
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Geheimnisvolle spiritistische Sitzungen und Dinnerpartys kennzeichnen den dritten Band. Der historische Hintergrund scheint dabei immer wieder überraschend schlaglichtartig auf.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: »I am lucky to have him as a translator.«

2


Etwas mehr als ein Jahr danach starb Isbister. Er war eine kurze Zeit lang schwer krank gewesen und hatte sich wäh­rend der Genesung eine Lungenentzündung zugezogen. Die Frage der Einleitung, auf unbestimmte Zeit in die Schublade versenkt, da St. John Clarke sich strikt geweigert hat­te, Briefe zu diesem Thema zu beantworten, wurde jetzt durch die Nachrufe wieder ans Licht geholt. Da es zu der Zeit so gut wie keine allgemeinen Neuigkeiten gab, waren diese Be­­richte ausführlicher, als man das erwartet hätte. Einer von ihnen nannte Isbister »den britischen Frans Hals«. Fotogra­fien von ihm wurden veröffentlicht, die ihn mit seinem Van-Dyck-Bart und in seinem Cape-Mantel zeigten, wie er mit Mrs. Isbister, einem früheren Modell, der ›Morwenna‹ vieler sei­ner Figurenbilder, spazierenging. Dies war eindeu­tig die Gelegenheit, eine weitere Anstrengung zu unterneh­men, um
»Die Kunst Horace Isbisters«fertigzustellen und zu veröffentlichen. Maler, besonders Akademiemaler, können schnell ins Dunkel zurück­glei­ten: vergessen, als hätten sie nie gelebt.

Fast als letzten Ausweg hatten wir deshalb vereinbart, dass ich mich außerhalb meiner Dienstzeit mit Mark Members tref­fen sollte, um mit ihm die Dinge ›von Mann zu Mann‹ zu be­sprechen. Members hatte für diese Zusammenkunft ausge­rechnet das Ritz gewählt. Seit er St. John Clarkes Sekretär ge­wor­­den war, hatte er eine Vorliebe für reiche Umgebun­gen ent­wickelt. Es war in jener sich hinziehenden, öden, freudlosen Woche nach Weihnachten. Mein eigenes Leben schien mir ein grenzenloser Stillstand, belebt nur durch die Arbeit an ei­nem neuen Buch. Diese nie enden wollenden letzten Tage des sterbenden Jahres schaffen sozusagen einen Zustand mora­lischer Schwebe: eine Form des Lebens ist schon verweht, ehe eine weitere die Zeit gefunden hat, ihre neue, begrenzte Eigentüm­lich­keit geltend zu machen. Irgendwie kündigt sich oft ein nahe bevorstehender Wechsel der Lebensrichtung durch solche farblosen Flecken der Zeit an.

Den Piccadilly entlang blies ein Nordwind die Seitenstra­ßen herunter, heiser röhrend für jeweils ein, zwei Minuten, dann in Stille verfallend, um aber plötzlich, nach einer nur kur­zen Pause, erneut loszulegen, als wüte er auf ewig gegen die Unbeständigkeit menschlichen Verhaltens. Die Bögen des Säu­lengangs boten einen gewissen Schutz gegen diesen Orkan und formten zugleich eine Art Vorraum, der an einer Seite durch beleuchtetes Glas in ein anderes, milderes Land führte, wo der Kampf gegen die Naturgewal­ten zumindest weniger deut­lich zutage trat als auf dem Gehsteig. Draußen herrschte nörd­licher Winter, hier unter Palmen ein fast tropisches Klima.

Obwohl es ein Samstagabend war, war es sehr voll in der Halle. Jener Hauch von Leben in wärmeren Städten, weit weg von London, wurde durch die Anwesenheit einer gro­ßen Gesellschaft von Südamerikanern verstärkt, die ganz in der Nähe des Platzes, den ich an einem der grauen Marmorti­sche fand, ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie waren male­risch unter der in ihrer Grotte aus künstlichen Felsen und grünem, frischem Farn hockenden Bronzefigur der Nymphe gruppiert – eine große Familie, die sich über drei oder vier Tische ausgebreitet hatte und freundlich miteinander schwatzte. Sie bestand aus dun­kelhäutigen jungen Männern mit bläulichem Kinn und hüb­schen, modisch gekleideten jungen Mädchen, die Letzteren im Alter herabgehend bis zu bloßen Kindern mit großen schwarzen Augen und hellfarbi­gen Schleifen im Haar. Ein ge­pflegter älterer Mann mit Glatze, die Rosette irgendeines Ordens im Knopfloch, den grauen Schnurrbart kurz gestutzt, unterhielt sich gewichtig mit zwei ungeheuer lebhaften Damen, beide eine Spur rund­lich werdend in ihren schwarzen Kleidern.

Die Nymphe auf der Felsspitze über ihnen schien sofort Teil dieser romanischen Familiengesellschaft und doch auch gleich­zeitig moralisch von ihr getrennt: ein englisches Mäd­chen vielleicht, das bei Verwandten wohnte, die Geschäfts­interessen in Südamerika hatten, zum ersten Mal verliebt nach einem Be­such auf einer benachbarten Estanzia. Jetzt hatte sie sich von ihren Gast­gebern entfernt, um in Ruhe ihren köstlichen ge­heimen Gedanken nachzuhängen, wäh­rend sie das Grimassen schneidende Gesicht des Flussgotte