2
Etwas mehr als ein Jahr danach starb Isbister. Er war eine kurze Zeit lang schwer krank gewesen und hatte sich während der Genesung eine Lungenentzündung zugezogen. Die Frage der Einleitung, auf unbestimmte Zeit in die Schublade versenkt, da St. John Clarke sich strikt geweigert hatte, Briefe zu diesem Thema zu beantworten, wurde jetzt durch die Nachrufe wieder ans Licht geholt. Da es zu der Zeit so gut wie keine allgemeinen Neuigkeiten gab, waren diese Berichte ausführlicher, als man das erwartet hätte. Einer von ihnen nannte Isbister »den britischen Frans Hals«. Fotografien von ihm wurden veröffentlicht, die ihn mit seinem Van-Dyck-Bart und in seinem Cape-Mantel zeigten, wie er mit Mrs. Isbister, einem früheren Modell, der ›Morwenna‹ vieler seiner Figurenbilder, spazierenging. Dies war eindeutig die Gelegenheit, eine weitere Anstrengung zu unternehmen, um»Die Kunst Horace Isbisters«fertigzustellen und zu veröffentlichen. Maler, besonders Akademiemaler, können schnell ins Dunkel zurückgleiten: vergessen, als hätten sie nie gelebt.
Fast als letzten Ausweg hatten wir deshalb vereinbart, dass ich mich außerhalb meiner Dienstzeit mit Mark Members treffen sollte, um mit ihm die Dinge ›von Mann zu Mann‹ zu besprechen. Members hatte für diese Zusammenkunft ausgerechnet das Ritz gewählt. Seit er St. John Clarkes Sekretär geworden war, hatte er eine Vorliebe für reiche Umgebungen entwickelt. Es war in jener sich hinziehenden, öden, freudlosen Woche nach Weihnachten. Mein eigenes Leben schien mir ein grenzenloser Stillstand, belebt nur durch die Arbeit an einem neuen Buch. Diese nie enden wollenden letzten Tage des sterbenden Jahres schaffen sozusagen einen Zustand moralischer Schwebe: eine Form des Lebens ist schon verweht, ehe eine weitere die Zeit gefunden hat, ihre neue, begrenzte Eigentümlichkeit geltend zu machen. Irgendwie kündigt sich oft ein nahe bevorstehender Wechsel der Lebensrichtung durch solche farblosen Flecken der Zeit an.
Den Piccadilly entlang blies ein Nordwind die Seitenstraßen herunter, heiser röhrend für jeweils ein, zwei Minuten, dann in Stille verfallend, um aber plötzlich, nach einer nur kurzen Pause, erneut loszulegen, als wüte er auf ewig gegen die Unbeständigkeit menschlichen Verhaltens. Die Bögen des Säulengangs boten einen gewissen Schutz gegen diesen Orkan und formten zugleich eine Art Vorraum, der an einer Seite durch beleuchtetes Glas in ein anderes, milderes Land führte, wo der Kampf gegen die Naturgewalten zumindest weniger deutlich zutage trat als auf dem Gehsteig. Draußen herrschte nördlicher Winter, hier unter Palmen ein fast tropisches Klima.
Obwohl es ein Samstagabend war, war es sehr voll in der Halle. Jener Hauch von Leben in wärmeren Städten, weit weg von London, wurde durch die Anwesenheit einer großen Gesellschaft von Südamerikanern verstärkt, die ganz in der Nähe des Platzes, den ich an einem der grauen Marmortische fand, ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie waren malerisch unter der in ihrer Grotte aus künstlichen Felsen und grünem, frischem Farn hockenden Bronzefigur der Nymphe gruppiert – eine große Familie, die sich über drei oder vier Tische ausgebreitet hatte und freundlich miteinander schwatzte. Sie bestand aus dunkelhäutigen jungen Männern mit bläulichem Kinn und hübschen, modisch gekleideten jungen Mädchen, die Letzteren im Alter herabgehend bis zu bloßen Kindern mit großen schwarzen Augen und hellfarbigen Schleifen im Haar. Ein gepflegter älterer Mann mit Glatze, die Rosette irgendeines Ordens im Knopfloch, den grauen Schnurrbart kurz gestutzt, unterhielt sich gewichtig mit zwei ungeheuer lebhaften Damen, beide eine Spur rundlich werdend in ihren schwarzen Kleidern.
Die Nymphe auf der Felsspitze über ihnen schien sofort Teil dieser romanischen Familiengesellschaft und doch auch gleichzeitig moralisch von ihr getrennt: ein englisches Mädchen vielleicht, das bei Verwandten wohnte, die Geschäftsinteressen in Südamerika hatten, zum ersten Mal verliebt nach einem Besuch auf einer benachbarten Estanzia. Jetzt hatte sie sich von ihren Gastgebern entfernt, um in Ruhe ihren köstlichen geheimen Gedanken nachzuhängen, während sie das Grimassen schneidende Gesicht des Flussgotte