: Isabelle Azoulay
: Josty Eine Liebe zwischen Berlin und Sims Maria
: Elfenbein Verlag
: 9783941184954
: 1
: CHF 7.10
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 152
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Berlin, Anfang des 19. Jahrhunderts: Johann hat es durch »Fleiss und Thätigkeit« zu einem wohlhabenden Patissier gebracht: Kunden aus »Hof, Kunst und Geist« lieben seine süßen Kunstwerke. Das Leben in der höheren Gesellschaft ist für ihn nur ein Spiel mit Umgangsformen - um preußische Konventionen schert er sich nicht. In Lina findet Johann eine perfekte Verbündete: Sie ist eine unabhängige Frau und ihrer Zeit weit voraus. Und da Lina Jüdin ist und nicht konvertieren will, leben beide in wilder Ehe glücklich zusammen. Doch Johann wird immer mehr von Schuldgefühlen geplagt: Als zwölfjähriger Junge war er - ohne sich zu verabschieden - vor der Armut und Enge seines Elternhauses im Engadin geflüchtet. Ein Lottogewinn ist nun der Auslöser für eine Reise an den Ort seiner Kindheit: Sils Maria. Es ist Johanns zweite Flucht - diesmal vor dem Verlust der Erinnerung. - Isabelle Azoulay erzählt nicht nur die Geschichte einer unkonventionellen Liebe in einer politischen und gesellschaftlichen Umbruchzeit. Es ist auch ein Buch über den Wunsch nach Individualität und über die Angst, aus der Welt zu fallen.

Isabelle Azoulay (geb. 1961) wuchs in Paris auf, studierte an der Sorbonne und in Frankfurt am Main Soziologie und lebt heute in Berlin. Sie veröffentlichte bereits die soziologischen Studien »Phantastische Abgründe« (1996), »Die Gewalt des Gebärens« (1998) und »Schmerz« (2000), ist Gründerin der Berliner Künstlergruppe »ImWestenWasNeues« und Initiatorin des ersten »Mobile Film Festivals« 2007. Ihr literarisches Debüt »De Gaulle und ich« erschien 2008 im Elfenbein Verlag.

II


Linas Fahrt


Sie fühlt sich von einem unwirklichen Lauf der Dinge getragen: Sie wird in die Kutsche steigen, einen Extrawagen, der sie als Eilkurier bis nach München bringen soll. Dort werde ich umsteigen, weiter nach Landeck fahren, rechts in die Schweiz abbiegen, hoch und höher ins Engadin hinein, sagt sie sich.

Andrea Puonz begleitet Lina bis zum vorderen Hof des Postgebäudes, Königstraße, und reicht dem Postillion den kleinen schwarzen Lederkoffer. Andrea, der Schüchterne, hat Herzklopfen, große Taten sind nicht sein Register. Nervös flieht sein Blick in alle Richtungen. Lina beachtet ihn nicht mehr. Schließlich hat er ihr vor zwei Tagen die unannehmbare Botschaft übermittelt, sie aus Angst weitergesagt, wie ein Kind, das eine wichtige Sache nicht für sich behalten kann – ein verzweifelter Zaungast, der die Contenance nicht wahren kann. Er ist zu ihr gerannt und hat das Furchtbare gesagt: Johann soll in Sils eine Frau von da heiraten. Das Entsetzen hat ihr die Sprache erstickt. Und nach einer Weile unheimlicher Ruhe hat sie zu handeln begonnen. Sie will Johann nach Berlin zurückholen.

Auf der schmalen Stufe der Kutsche findet Linas Fuß kurz Halt, und in einem entschiedenen Schwung ihres ganzen Körper verschwindet sie in den schwarzen Kasten. Andrea ist überwältigt von dem Mut, den sie aufbringt. Mut ist ihm bis dahin nur bei Halunken und Herrschern begegnet, Mut in dieser tugendhaften Variante, als Entschiedenheit der Seele, wie sie ihn zeigt, bisher nicht. Der Kon­dukteur nimmt Platz, der Postillion besteigt das gesattelte linke Pferd. Lina ist nicht mehr zu sehen und schaut nicht mehr hinaus. Sie kann es nicht mehr abwarten loszufahren. Nach ihr steigen noch zwei junge Männer ein. Nun geht alles ganz schnell, die Kutsche steht bereit, in einer geradlinigen Reihe verlassen mehrere Kaleschen den Hof, ihre Kutsche ist an der Reihe, Eile, Aufregung.

Niedergeschlagen bleibt Andrea zurück, geht ein Paar Schritte dem Gespann nach, schaut lange, wie es klein und kleiner wird, über die Brücke verschwindet. Sein Mantel flattert im Wind. Das Glück ist gefährdet, der Skandal unabwendbar.

Wie eine Schlafwandlerin folgt sie ihrem eigenen Ent­schluss. Vor Aufregung hat sie die letzte Nacht kaum geschlafen und doch hat sie noch viel Kraft für diese wahnwitzige Reise. Hätte es keine Kutsche gegeben, sie wäre zu Fuß in den Süden gelaufen. Erste Station: Königs Wusterhausen. Die beiden Herren, die mit ihr im Wagen sitzen, beachtet sie nicht, sie ist nur bei sich, ihr Blick geht durch alle und alles hindurch.

Johanns Freunde haben durch Eilboten einen Brief nach Berlin gesandt. Wer hat so viel Geld? Wer sind Johanns Freunde? Wo sind Jachem Zamboni und Christofel Pedotti, die Berliner Geschäftpartner? Sie hat sie schon einige Zeit nicht mehr gesehen. Wer kann in Sils wissen, dass die Nachricht nach Berlin Unheil bringt? Wer will sie warnen? Zam­boni und Pedotti brauchen Johann in Berlin. Haben sie gezielt Andrea zu ihr laufen lassen, wissend, dass die Löwin in ihr aufstehen würde? Sie kennen ihre Entschlossenheit, nur sie kann Johann ­aufhalten. Eine Fülle von Fragen macht Lina ratlos, aber lähmt sie nicht.

Sie wird nicht abwarten. Den Stier bei den Hörnern pa­cken. Hinfahren, »Einspruch!« rufen, sich auf den Kopf stellen. Donna Cäcilia Andreole, eine Frau aus seinem Dorf, sie soll er heiraten! In Berlin hat Andrea den Brief genommen, zitternd, hat sie sofort benachrichtigt, dass in Sils das Aufgebot für Johanns Hochzeit bestellt wird. Wird sie die Fassung verlieren? Einen Moment lang ist sie unsicher. Wie soll ich handeln? Es ist so weit bis ins Engadin – kann sie das, was hinter dieser Alpenwand geschieht, berühren? Wenn Johann dort eine andere heiratet – wird sie das zur heimlichen