… Garrafff: Dahinter …
Aber was, wenn die Stadt ein wucherndes Neo-Plasma wäre, das sich durch die Jahrhunderte ständig verändert hat, um genau der sich ändernden Gestalt seiner schlimmsten, geheimsten Ängste zu begegnen (…) … etwas, das selbst noch jenseits von Pans dunklen Büschen liegt, das nicht mehr pastoral ist, sondern ganz der Stadt zugehört, eine Matrix von Wegen, die Kräfte der Natur zu beugen, ihre Spannung abzuzapfen, sie zu destillieren oder ihre Farben auszuwaschen, bis sie so ähnlich wieder zum Vorschein kommen wie die bösartigen Zoten, die Qlippoth (…) – eine Stadtfinsternis, die ihre eigene ist, ein strukturiertes Dunkel, das nach allen Seiten fließt, in dem nichts anfängt, in dem nichts aufhört (?)
Pynchon
Arkologie Buenos Aires Zentrum50’/50,5’ b9’/10’ l (vect.)Ulmer Bezirk
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Für seine Dichtungen machte sich Chill Borkenbrod – oder Aissa der Barde, als den die Fahnder ihn kannten – meistens spätnachts auf. Er hauste nicht in Colón, aber nahbei, in einer Strewer’s Row des Quatianos, das den Porteños alsBronxgalt, weil die zentrale Straße ihrer Arkologie Melrose Avenue hieß. Nicht daß die Gegend verkommen gewesen wäre, seitThe Quatiano Miraclegab es auch hier kaum mehr Schmutz. Aber um diese Mel Ave hatten sich die Firmen geschart, die die Abfälle entsorgten: neben Anlagen, worin aus Exkrementen Energie gewonnen wurde, konventionelle Müllverbrennungsanlagen, außerdem die sogenannten Totenwerke; es galt längst als unfein, seinen Leichnam verbrennen zu lassen, sowieso waren Friedhöfe Verschwendung von Platz. Buenos Aires wäre ohne den geschlossenen Kreislauf aus Produktion, Konsumtion, Exkretion und Recycling schwerlich lebensfähig gewesen (Die Myrmidonen nannten das also aus purer Bosheit ›Exkrementalkultur‹). Beerdigungen waren Beerdigungen von Rohstoff geworden, denn da die Seelen ihren eigentlichen, viel freieren Platz in Maschinen fanden, für die der Begriff Maschine schon lange zu grob war, da jedermann, selbst wenn behindert, in den Infoskopen sportliche Leistungen von achtungerheischenden Rekorden zu vollbringen wußte, galt die alte organische Hardware ohnedies nur als Maisonette, in der zwar jeder gerne wohnte, doch wenn es not tat, zog man auch um. Privatsphären sind modulierbar: Das ist der größte Angriff auf Krankheit. Jede verlorene Hand, die wieder angenäht oder prothetisch ersetzt wurde, hatte die Leute zu fühlen gelehrt: Siehe, dies ist mein Leib – ein Lager von Organen.
Dennoch, den Endverwertungen hing schon der Gerüche wegen etwas Anrüchiges an, die von Filteranlagen umgewälzt und umgewandelt und verfeinert wurden: Die ganze Bronx duftete nach Astern. Das war, weil so schwindelerregend süß, Ursache eines latenten Mißtrauens; es ging sowieso die Rede vom Elektrosmog um und von durch Pontarlier verheimlichten Risiken der Hodnastrahlung. Häufiger Gebrauch von Handys, hieß es, pflanze Geschwüre. Aber nicht eigentlich das ließ die Leute die Gegend um Melrose Avenue, rue de Charenton, in einer deren Seitengassen, Via Panisperna, Borkenbrod bezeichnenderweise soutterrain lebte, Kaiserstraße und R. S. Nimbkar Road meiden. Vielleicht war etwas von der alten Einheit von Körper und Seele, da das Schiff von Geist nun gelöscht war, in der verlassenen Kajüte des Kopfes liegen geblieben und rollte bei jeder Bewegung hin und her wie eine nicht fixierte Taschenlampe, wenn die See geht. Da man sich in aller Regel wenig bewegte, schon der Arbeitsprozesse wegen in die Ganzkörperschalen der Infoskope eingeschlossen, fand sich keiner, sie aufzuheben. Auch die Myrmidonen taten es nicht, nicht dort, denn so blieb das Quatiano einer der wenigen Kieze, in denen man als Rebell nicht ständig auf der Hut sein mußte. Wurden SZKler zwangsversetzt, gingen sie oft da ihre Streife, doch nun erst recht nicht engagiert. Goltz verzieh nie, man kann nicht sagen, daß die Leute ihn liebt