: Ralph Roger Glöckler
: Vulkanische Reise Eine Azoren-Saga
: Elfenbein Verlag
: 9783941184749
: 1
: CHF 7.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1957 erschüttert eine submarine Eruption die Azoren-Insel Faial. Als sich in der Folge ein Vulkan vor der Küste aufbaut und seine Aschefontänen die Insel wie einen Teppich bedecken, verändert sich das Leben dort dramatisch: Die meisten Inselbewohner, verängstigt durch die Naturgewalt, verlassen ihre Heimat in Richtung Amerika, mit dem man schon seit Jahrhunderten durch den Walfang verbunden ist. Zurück bleibt nur ein kleiner Teil der Alteingesessenen. Der Walfang ist aufgegeben, die Küste verlassen, Häuser der Natur übergeben, Ochsenkarren sind nur noch auf verblichenen Fotografien und in den Erinnerungen der Alten zu finden. Die einstige Magie des Ortes kann nur noch in der Phantasie beschworen werden. - Ralph Roger Glöckler hat auf Faial Lavafelder durchstreift und in ihnen Spuren neuen Lebens entdeckt. Er hat mit alten Leuten geredet, die die Insel nie verlassen haben und sich noch gut erinnern können; er ist den Spuren der Ausgewanderten bis nach New Bedfort in Massachusetts gefolgt und hat Naturwissenschaftliches mit Historischem verknüpft. 'Vulkanische Reise' bildet zusammen mit den Erzählungen 'Madre' und 'Corvo' Glöcklers Azoren-Trilogie.

Ralph Roger Glöckler (geb. 1950) studierte in Tübingen u. a. Ethnologie. Im Elfenbein Verlag erschien - neben der Azoren-Trilogie - bereits der Gedichtband 'Das Gesicht ablegen' (2001) sowie die Romane 'Mr. Ives und die Vettern vierten Grades' (2012) und 'Tamar' (2014).

Tellurische Messe


Es ist noch früh. Ein trüber Morgen. Ich sitze in der Bi­blio­teca Pública, um Nachrichten und Reportagen über diecrise sísmicain den regionalen Zeitungen zu lesen. Die Bibliothek befindet sich in der ersten Etage über dem Stadtarchiv von Horta und wirkt mit ihrem dunklen Dielenboden, den Holzregalen, den massiven, lederbe­spann­ten Mahagonitischen wie ein Institut in den ehemaligen Kolonien. Der Bibliothekar, ein junger, einsilbiger Mann, blond wie viele Azoreaner, hat mich gebeten zu warten. Er müsse die Ausgaben der vergangenen Monate aus dem Magazin holen.

Ich bin allein. Schüler, die Arbeiten für den Unterricht vorbereiten, werden später kommen. Zeitungsleser erst in der Mittagspause. Ich lasse meinen Blick über die Bücher in den Regalen wandern, über den Arbeitstisch des Biblio­thekars. Ein Kartenspiel schimmert auf dem Bildschirm des Com­puters. Zeitungen, Zeitschriften liegen auf dem großen Tisch vor den Fenstern. Die Lehnen der Stühle sind dicht an die Platte herangeschoben.

Es ist still. Drückend. Es riecht modrig, nach feuchten Mauern, nach feuchtem Papier. Regentropfen rinnen über die Fenster, verschleiern das gegenüberliegende Gebäude der Se­gurança Social. Bücherregale spiegeln sich in den ­Scheiben.

Der Bibliothekar legt die in Horta erscheinenden TageszeitungenO TelégrafoundO Correio da Horta,monateweise und in kräftiges braunes Papier verpackt, vor mich auf den Tisch. Ich verlange auch denAçoreano Oriental,Portugals älteste Tageszeitung, die in Ponta Delgada auf São Miguel erscheint. Er blickt mich merkwürdig aus seinen dicken Brillengläsern an, beeilt sich jedoch, die angestaubten Packen zu holen. Viele Azoreaner sind gegen São Miguel voreingenommen. Es ist die größte, bevölkerungsreichste Insel. Man wirft den Leuten dort vor, sie wollten den Archipel beherrschen.

Diecrise sísmicahat vor ein paar Monaten, am fünfundzwanzigsten November, begonnen. Die Nachrichten sind bis zum einundzwanzigsten Januar recht spärlich, auch wennO Telégrafodie auf den mittleren Inseln gemessenen In­ten­sitätsgrade der Beben Tag für Tag dokumentiert.

Das Epizentrum liegt im Nordwesten, fünfzehn bis vierzig Ki­lometer vor Capelinhos, Norte Pequeno und Praia do Nor­te entfernt. Flugzeuge der Marine, die dieses ­Gebiet über­­flogen, haben keine außergewöhnlichen Erscheinungen wie Gasblasen, Dampf, tote Fische im Wasser be­ob­ach­tet. Nichts Bedenkliches also. Was beunruhigen ­könnte, ist die Nähe des Epizentrums zum neunzehn­hundert­sieben­und­fünf­­zig entstandenen Vulkan von Cape­linhos, der die Insel um zwei Quadratkilometer ­vergrößert, die umliegenden Dör­­fer und Felder mit Asche über­schüt­tet und tausende Exis­­tenzen vernichtet hat. Die Dörfer Norte Pequeno und Praia do Norte wurden ein Jahr später bei Erdbeben zerstört, die auf der Mercalli-Skala Inten­sitätsgrad »zehn« erreichten. Diese Beben leiteten neun­zehnhundert­acht­und­fünf­zig die letzte effusive Phase des Vulkanausbruchs ein.

Am zwanzigsten Januar, so ergibt ein Vergleich der Zeitungsmeldungen, erfolgte ein heftiges Beben um vierzehn Uhr neunundvierzig, das die Insel Faial mit Stärke »fünf« erschütterte. Die Zeitungen widme