Tellurische Messe
Es ist noch früh. Ein trüber Morgen. Ich sitze in der Biblioteca Pública, um Nachrichten und Reportagen über diecrise sísmicain den regionalen Zeitungen zu lesen. Die Bibliothek befindet sich in der ersten Etage über dem Stadtarchiv von Horta und wirkt mit ihrem dunklen Dielenboden, den Holzregalen, den massiven, lederbespannten Mahagonitischen wie ein Institut in den ehemaligen Kolonien. Der Bibliothekar, ein junger, einsilbiger Mann, blond wie viele Azoreaner, hat mich gebeten zu warten. Er müsse die Ausgaben der vergangenen Monate aus dem Magazin holen.
Ich bin allein. Schüler, die Arbeiten für den Unterricht vorbereiten, werden später kommen. Zeitungsleser erst in der Mittagspause. Ich lasse meinen Blick über die Bücher in den Regalen wandern, über den Arbeitstisch des Bibliothekars. Ein Kartenspiel schimmert auf dem Bildschirm des Computers. Zeitungen, Zeitschriften liegen auf dem großen Tisch vor den Fenstern. Die Lehnen der Stühle sind dicht an die Platte herangeschoben.
Es ist still. Drückend. Es riecht modrig, nach feuchten Mauern, nach feuchtem Papier. Regentropfen rinnen über die Fenster, verschleiern das gegenüberliegende Gebäude der Segurança Social. Bücherregale spiegeln sich in den Scheiben.
Der Bibliothekar legt die in Horta erscheinenden TageszeitungenO TelégrafoundO Correio da Horta,monateweise und in kräftiges braunes Papier verpackt, vor mich auf den Tisch. Ich verlange auch denAçoreano Oriental,Portugals älteste Tageszeitung, die in Ponta Delgada auf São Miguel erscheint. Er blickt mich merkwürdig aus seinen dicken Brillengläsern an, beeilt sich jedoch, die angestaubten Packen zu holen. Viele Azoreaner sind gegen São Miguel voreingenommen. Es ist die größte, bevölkerungsreichste Insel. Man wirft den Leuten dort vor, sie wollten den Archipel beherrschen.
Diecrise sísmicahat vor ein paar Monaten, am fünfundzwanzigsten November, begonnen. Die Nachrichten sind bis zum einundzwanzigsten Januar recht spärlich, auch wennO Telégrafodie auf den mittleren Inseln gemessenen Intensitätsgrade der Beben Tag für Tag dokumentiert.
Das Epizentrum liegt im Nordwesten, fünfzehn bis vierzig Kilometer vor Capelinhos, Norte Pequeno und Praia do Norte entfernt. Flugzeuge der Marine, die dieses Gebiet überflogen, haben keine außergewöhnlichen Erscheinungen wie Gasblasen, Dampf, tote Fische im Wasser beobachtet. Nichts Bedenkliches also. Was beunruhigen könnte, ist die Nähe des Epizentrums zum neunzehnhundertsiebenundfünfzig entstandenen Vulkan von Capelinhos, der die Insel um zwei Quadratkilometer vergrößert, die umliegenden Dörfer und Felder mit Asche überschüttet und tausende Existenzen vernichtet hat. Die Dörfer Norte Pequeno und Praia do Norte wurden ein Jahr später bei Erdbeben zerstört, die auf der Mercalli-Skala Intensitätsgrad »zehn« erreichten. Diese Beben leiteten neunzehnhundertachtundfünfzig die letzte effusive Phase des Vulkanausbruchs ein.
Am zwanzigsten Januar, so ergibt ein Vergleich der Zeitungsmeldungen, erfolgte ein heftiges Beben um vierzehn Uhr neunundvierzig, das die Insel Faial mit Stärke »fünf« erschütterte. Die Zeitungen widme