: Anthony Powell
: Casanovas chinesisches Restaurant Ein Tanz zur Musik der Zeit - Band 5
: Elfenbein Verlag
: 9783941184800
: 1
: CHF 16.20
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« -­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen -­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins - der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet - bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Der historische Hintergrund - im fünften Band ist es der Spanische Bürgerkrieg ab 1936 - scheint dabei immer wieder überraschend schlaglichtartig auf.

Anthony Powell (1905-2000) besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane. Jene gesellschaftliche Oberschicht Großbritanniens, der er selbst angehörte, porträtierte er in seinem zwölfbändigen Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«. Während seine Altersgenossen und Freunde Evelyn Waugh, Graham Greene und George Orwell sich auch im deutschsprachigen Raum bis heute großer Popularität erfreuen, ist Anthony Powell hierzulande noch nahezu unbekannt. Über den Übersetzer Heinz Feldmann vermerkte Anthony Powell in seinem Tagebuch: »I am lucky to have him as a translator.«

2


Der sonntägliche Lunch im Hause von Katherine, Lady Warminster, war nie speziell als ein Treffpunkt der Familie gedacht gewesen, hatte sich aber im Laufe der Zeit zu einer Gelegenheit entwickelt, zu der in ziemlich regelmäß
igen Abständen mehrere – manchmal zu viele – der Tollands zusammenkamen. Hin und wieder waren entferntere Verwandte zugegen, gelegentlich auch ein Freund, aber im Großen und Ganzen überwogen die Mitglieder der engeren Familie. Jeder erwartete, auch die ›Angeheirateten‹ dort zu treffen, und so boten denn diese Zusammenkünfte neben anderen Eigenarten zumindest oberflächlich auch so etwas wie die Zurschaustellung verschiedener Auffassungen von der Ehe. Zwar waren sich die Paare darin einig, dass sie sich in der Gegenwart von Lady Warminster von ihrer besten Seite zeigen sollten, aber trotz dieser begrenzten Einheitlichkeit war in der Regel im Haus Hyde Park Gardens jede Spielart der Technik ehelichen Zusammenlebens vertreten. Blanche, Robert, Hugo und Priscilla Tolland lebten noch mit ihrer Stiefmutter unter einem Dach, so dass die beiden Mädchen meistens an dem Essen teilnahmen; Robert, der sein gesellschaftliches Leben immer ein wenig im Dunkeln ließ, war in regelmäßigen Abständen dabei, während Hugo, dessen loses Verhältnis zu seinem Studium sich in wilden Ausbrüchen kundtat, nach denen ein Verweis von der Universität jeweils unvermeidlich schien, nur während der Semesterferien dort zu sehen war. Die Tatsache, dass mehrere jüngere Mitglieder der Familie in dem Haus wohnten, hatte nicht eine äußerlich besonders fröhliche Atmosphäre zur Folge gehabt. Im Gegenteil. Der Grundton war, wenn man die Eingangshalle betrat und die Treppe hinaufstieg, eher der der Ruhe, fast der Niedergeschlagenheit. Dieser Mangel an überschwänglicher Freude bestätigte Morelands Lieblingsthese hinsichtlich der Traurigkeit der Jugend.

»Ich selbst freue mich unendlich auf die Verantwortungs­losigkeit meiner mittleren Lebensjahre«, pflegte er gerne zu sagen.

Es mag durchaus richtig gewesen sein, dass diese fühlbare Aura der Melancholie eher ›den Kindern‹ als Lady Warminster geschuldet war. Zweifellos unterschied sich dieses Milieu stark von der Zwanglosigkeit, der fast kalkulierten Unordnung, von der die Jeavons in South Kensington umgeben waren – ein Haushalt, den ich seit meiner Heirat kaum mehr besucht hatte. Ted Jeavons war es gesundheitlich noch schlechter als gewöhnlich gegangen, während Molly hatte wissen lassen, dass sie völlig beschäftigt sei mit dem Umbau des obersten Stockwerkes (wo die alte, bettlägerige, kürzlich verstorbene Kusine ihres Mannes gelebt hatte), das nun als Wohnung für irgendeinen Freund oder Angehörigen hergerichtet werden sollte. Zweifellos hatte diese Renovierung das Haus der Jeavons in ein Maß an Unordnung versetzt, das undenkbar größer war als alles, was gewöhnlich dort vorherrschte. Das Innere des Hauses Hyde Park Gardens stand im völligen Gegensatz zu einem solchen unüberwindlichen Durcheinander. In Anbetracht der Persönlichkeiten, die es beherbergte, war Hyde Park Gardens eher unauffällig, ja überraschend schlicht; wobei Dekor und Möbel eine fast ebenso profunde Anonymität spiegelten wie das Ufford, Onkel Giles’ Hotel. Obwohl sie natürlich luxuriöser waren als die des Ufford und sich gerade noch auf der richtigen Seite des Geschmacks befanden und man sie nicht offen als ›schlecht‹ oder gar als abstoßend altmodisch kritisieren konnte.

Beträchtlich älter als ihre Schwester Molly Jeavons – und wie diese kinderlos – hatte sich Lady Warminster nach dem Tod ihres zweiten Mannes in Kaschmir acht oder neun Jahre zuvor weitgehend aus der Welt zurückgezogen. Lord Warminster, der sich einen gewissen Namen als Sportsmann und auch als Amateurforscher gemacht hatte, pflegte jenes Land von Zeit zu Zeit zu besuchen – nicht, soweit bekannt war, wegen der sinnlichen Verlockungen, die in jenem Kaschmiri-Liebeslied so sehr gepriesen werden, sondern aus Freude an der mehr allgemeinen Schönheit seiner Täler, und um dort Steinböcke zu schießen. Auf seiner letzten Reise hatte er sich beim Öffnen einer Dose die Hand aufgeschürft und eine Blutvergiftung zugezogen – eine Infektion, an deren Folgen er verstarb. Obwohl ihre relativ kurze Ehe von den längeren Auslandsreisen ihres Mannes geprägt gewesen war, hatte Lady Warminster in großer Zurückgezogen