: Ralph Roger Glöckler
: Corvo Eine Azoren-Utopie
: Elfenbein Verlag
: 9783941184732
: 1
: CHF 7.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ralph Roger Glöcklers Reise nach Corvo, ein impressionistisches Gemälde der kleinsten Insel des Archipels der Azoren, schildert die Suche nach dem Mythos des Kommunitarismus, einer geradezu urchristlichen Lebensweise, und dem, was davon übrig blieb. Eine Suche, die im Porträt des Bürgermeisters der Gemeinde von Corvo ihren Höhepunkt findet - versuchte dieser doch nach dem Ende der Utopie im Jahre 1971, den Menschen auf Corvo eine neue, auf den wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten der Insel beruhende Identität zu verschaffen. Ein möglicherweise gescheitertes, aber einem Künstler würdiges Projekt, das - im Sinne Baudelaires - danach trachtet, eine neue Wirklichkeit aus vorgefundenen Elementen zu schaffen. So spricht das Buch von der Geschichte der Insel, von der Landwirtschaft, von der Beziehung der Bevölkerung zur Natur, zur Gesellschaft und zur 'Câmara Municipal', dem allmächtigen Bürgermeisteramt mit seinen unbequemen, herausfordernden Ideen. 'Corvo. Eine Azoren-Utopie' ist im Jahre 2001 zuerst in portugiesischer Sprache erschienen und bildet zusammen mit den Erzählungen 'Madre' und 'Vulkanische Reise' Glöcklers Azoren-Trilogie.

Ralph Roger Glöckler (geb. 1950) studierte in Tübingen u. a. Ethnologie. Im Elfenbein Verlag erschien - neben der Azoren-Trilogie - bereits der Gedichtband 'Das Gesicht ablegen' (2001) sowie die Romane 'Mr. Ives und die Vettern vierten Grades' (2012) und 'Tamar' (2014).

Nelken für den Padre


Winde reißen Löcher in die Wolkendecke über dem Atlantik. Strahlen der Nachmittagssonne formen Krater aus Licht. Blick frei in silbrig flimmernde Abgründe. Die Launen des Wetters zaubern verwirrende Erscheinungen in die Luft, Fata Morganen der Sehnsucht, flüchtige Wiedergänger der Vulkane, aus denen der Archipel der Azoren entstanden ist.

Der Padre und ich blicken dem Kommandanten der kleinen Militärmaschine über die Schulter. Wir sehen uns an, verstehen die Gesten nicht, rasche Fingerandeutungen, mit denen er seinem Kopiloten etwas mitteilen will. Er zuckt die Schultern, schüttelt den Kopf. Wir fragen uns, ob dies ein Kommentar zu dem Maschinenschaden ist, der den Ab­flug von der Insel Terceira um einen Tag verzögert hat? Wobei wir von Glück sagen können, dass es nur ein Tag war, sonst hätten wir vielleicht eine Woche warten müssen, um nach Corvo, der kleinsten Insel des Archipels, zu gelangen. Wenn es kein technisches Problem ist, das den Abflug verzögert, dann sind es die widrigen, stürmischen Winde, die eine Lan­dung in Corvo verhindern, oder das schwierige Verhältnis des Bürgermeisters zur portugiesischen Luftwaffe. Gründe gibt es immer, um nicht nach Corvo zu gelangen.

Seine erste Mission, sagt der Padre, seine erste Gemeinde. Wir haben Mühe, uns zu unterhalten, weil die Propellermotoren viel Lärm machen. Ich nicke ihm zu.

Der Blick, mit dem er mich ansieht, verrät nicht nur tapfere Zuversicht, sondern auch die Angst, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der Padre ist noch jung, vierundzwanzig Jahre. Was für eine Herausforderung! Sein Blick spiegelt auch die Angst vor der Einsamkeit, der Isolation, auf einer siebzehn Quadratkilometer großen Insel, auf der es nur ein Dorf gibt, Vila Nova do Corvo, mit einhundertachtzig Familien oder etwa dreihundertsiebzig Menschen.

Ich erinnere mich an die Tagebuchaufzeichnungen des portugiesischen Schriftstellers Raul Brandão, der 1924 einige Tage auf Corvo verbrachte, und daran, was mich veranlasst hat, die Insel zu besuchen. Corvo, sagt er, sei eine christliche Bauern-Demokratie. Ein schöner Gedanke, lasse mich von der Idee faszinieren, einer Lebensform zu begegnen, die in unserer von Konsum- und Karrierewerten ­verdorbenen Welt vorbildlich sein könnte. Raul Brandão zeichnet ein romantisch verklärtes Bild. Ich kann ihn verstehen, will aber versuchen, nicht in idealisierende Träumereien zu gera­ten, sondern will herausfinden, was an dieser Legende wahr ist.

Das Flugzeug wird von Turbulenzen geschüttelt. Ich ziehe es vor, mich hinzusetzen und anzuschnallen. Die ältere Senhora, gegenüber, küsst den Rosenkranz, der unablässig durch ihre Hände gleitet, spricht ein Ave Maria mit beschwörender Stimme, wobei sie den Blick panikerfüllt auf mich richtet, als würde ihr so Halt in den Eruptionen des ­Windes werden.

Das Gesicht des Ehemanns ist von der Feldarbeit verwittert. Er ist klein, hager, sieht älter aus, als er ist. Die tadel­lose Zahnprothese, die Brille und die amerikanische Schirm­mütze lassen auf Jahre der Emigration schließen oder auf Familienangehörige in den Vereinigten Staaten. Er beachtet seine Frau nicht – sie hat eben Angst, soll sie nur beten, das ist wohl das Beste –, unterhält sich lieber mit dem älteren, ihm gegenübersitzenden Mann. Ja, die Kälber. Auch er habe seine Last damit. Aber das neue Medikament …

Pedro, der Agronom, sitzt schweigsam neben mir, verbirgt das Gesi