Nelken für den Padre
Winde reißen Löcher in die Wolkendecke über dem Atlantik. Strahlen der Nachmittagssonne formen Krater aus Licht. Blick frei in silbrig flimmernde Abgründe. Die Launen des Wetters zaubern verwirrende Erscheinungen in die Luft, Fata Morganen der Sehnsucht, flüchtige Wiedergänger der Vulkane, aus denen der Archipel der Azoren entstanden ist.
Der Padre und ich blicken dem Kommandanten der kleinen Militärmaschine über die Schulter. Wir sehen uns an, verstehen die Gesten nicht, rasche Fingerandeutungen, mit denen er seinem Kopiloten etwas mitteilen will. Er zuckt die Schultern, schüttelt den Kopf. Wir fragen uns, ob dies ein Kommentar zu dem Maschinenschaden ist, der den Abflug von der Insel Terceira um einen Tag verzögert hat? Wobei wir von Glück sagen können, dass es nur ein Tag war, sonst hätten wir vielleicht eine Woche warten müssen, um nach Corvo, der kleinsten Insel des Archipels, zu gelangen. Wenn es kein technisches Problem ist, das den Abflug verzögert, dann sind es die widrigen, stürmischen Winde, die eine Landung in Corvo verhindern, oder das schwierige Verhältnis des Bürgermeisters zur portugiesischen Luftwaffe. Gründe gibt es immer, um nicht nach Corvo zu gelangen.
Seine erste Mission, sagt der Padre, seine erste Gemeinde. Wir haben Mühe, uns zu unterhalten, weil die Propellermotoren viel Lärm machen. Ich nicke ihm zu.
Der Blick, mit dem er mich ansieht, verrät nicht nur tapfere Zuversicht, sondern auch die Angst, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der Padre ist noch jung, vierundzwanzig Jahre. Was für eine Herausforderung! Sein Blick spiegelt auch die Angst vor der Einsamkeit, der Isolation, auf einer siebzehn Quadratkilometer großen Insel, auf der es nur ein Dorf gibt, Vila Nova do Corvo, mit einhundertachtzig Familien oder etwa dreihundertsiebzig Menschen.
Ich erinnere mich an die Tagebuchaufzeichnungen des portugiesischen Schriftstellers Raul Brandão, der 1924 einige Tage auf Corvo verbrachte, und daran, was mich veranlasst hat, die Insel zu besuchen. Corvo, sagt er, sei eine christliche Bauern-Demokratie. Ein schöner Gedanke, lasse mich von der Idee faszinieren, einer Lebensform zu begegnen, die in unserer von Konsum- und Karrierewerten verdorbenen Welt vorbildlich sein könnte. Raul Brandão zeichnet ein romantisch verklärtes Bild. Ich kann ihn verstehen, will aber versuchen, nicht in idealisierende Träumereien zu geraten, sondern will herausfinden, was an dieser Legende wahr ist.
Das Flugzeug wird von Turbulenzen geschüttelt. Ich ziehe es vor, mich hinzusetzen und anzuschnallen. Die ältere Senhora, gegenüber, küsst den Rosenkranz, der unablässig durch ihre Hände gleitet, spricht ein Ave Maria mit beschwörender Stimme, wobei sie den Blick panikerfüllt auf mich richtet, als würde ihr so Halt in den Eruptionen des Windes werden.
Das Gesicht des Ehemanns ist von der Feldarbeit verwittert. Er ist klein, hager, sieht älter aus, als er ist. Die tadellose Zahnprothese, die Brille und die amerikanische Schirmmütze lassen auf Jahre der Emigration schließen oder auf Familienangehörige in den Vereinigten Staaten. Er beachtet seine Frau nicht – sie hat eben Angst, soll sie nur beten, das ist wohl das Beste –, unterhält sich lieber mit dem älteren, ihm gegenübersitzenden Mann. Ja, die Kälber. Auch er habe seine Last damit. Aber das neue Medikament …
Pedro, der Agronom, sitzt schweigsam neben mir, verbirgt das Gesi