11 Petras unerwartete Rückkehr
Clara überlegte kurz, ob sie aufmachen oder einfach weiter ins Wohnzimmer gehen sollte. Sie erwartete keinen Besuch. Hätte sie bloß damals die alte Holztür gelassen, aber nein, es musste ja mehr Licht in den dunklen Bau und eine breite Glastür wurde eingebaut. Da hatte sie noch das nötige Kleingeld. Sie wusste, wo Johann das Schwarzgeld im kleinen Haus nebenan gebunkert hatte.
Die Tür befand sich an dem schmalen Gang, der das Haupt- von dem kleineren Nebenhaus trennte, reinschauen konnte man nicht, außer jemand stand direkt vor der Glasscheibe. Normalerweise hing im Winter ein dicker Wollvorhang davor, es zog bei Kälte durchs ganze Haus. Aber vor zwei Wochen hatte Petra ihn abgenommen, als sie das letzte Mal hier war. Clara wollte ihn waschen, doch der alte Vorhang war so verfilzt und hätte wahrscheinlich die altersschwache Waschmaschine vollkommen ruiniert. Also legten sie ihn in die Abstellkammer rechts neben der Eingangstür, wo er sein Dasein mit altem Weihnachtsschmuck, dem Staubsauger und den Putzutensilien fristen durfte. Clara schmiss nichts weg. Man konnte nie wissen.
Früher hatten die Bewohner die Tenne als Eingang genutzt, aber sie kam meistens von der Deichseite ins Haus, da zog sich das Reetdach tiefer und sie wurde nicht nass bei dem ständigen Regen, wenn sie mal das Haus verließ. Nur wenn sie mit dem Auto fuhr, ging sie durch die Tenne.
Sie stand immer noch mitten in der Halle, mit der Kaffeetasse in der Hand, und schaute die ungebetenen Gäste vor der Tür an. Wer war das? Was wollten die von ihr? Hier kam selten jemand vorbei, nicht einmal der Postbote, er steckte alles in den großen Briefkasten am Wegrand. Sie wusste, dass die Menschen im Dorf sie mieden, und selbst die Halbstarken hatten seit Jahren keine Fensterscheiben mehr eingeschlagen. Fast ein Vierteljahrhundert lebte sie hier draußen. Vergessen hatte niemand im Umkreis, wer hier wohnte, aber man ließ sie in Ruhe. Sie galt wohl inzwischen als alte Frau, vor der keiner mehr wirklich Angst haben konnte. Wenn die wüssten!
Eine blonde Frau mit Pagenkopf und ein Mann mit blonden Locken, dahinter ein durchnässter Typ mit Dreitagebart, der auch noch einen Hund im Schlepptau hatte. Na bravo. Bünting und Onken würden ihren Spaß haben. Clara stellte ihre Kaffeetasse auf den alten Holztisch und schlurfte durch die große Diele. Jetzt verpasste sie auch noch den Rest der Sendung und morgen durfte sie dann raten, was passiert war, und kam nicht so schnell ins Geschehen. Mist! Der Regen wurde stärker und prasselte auf die ungebetenen Besucher. Die würden ihr jetzt die Halle versauen, sie hatte gestern erst gewischt. Petra war Freitag nicht gekommen und so musste sie es notgedrungen selbst machen. Sie öffnete die Tür und starrte die Fremdlinge wütend an.
»Was gibts?«, bellte sie kurz.
»Guten Tag, sind Sie Clara Jolcke?«, fragte die gestylte Blondine und versuchte, mit ihrer Tasche über dem Kopf den Regen abzuhalten. Clara nickte kurz und machte keine Anstalten, die drei in die Halle zu lassen. Zeugen Jehovas