: Stephan Hähnel
: Gefundenes Fressen Morgenstern ermittelt. Ein Berlin-Krimi
: Jaron Verlag
: 9783955522063
: 1
: CHF 5.80
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Auf dem Hundespielplatz im Mauerpark ist ein Junge unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen. Ein Anschlag oder ein Unfall? Bei seinen Ermittlungen stößt Kriminalhauptkommissar Hans Morgenstern, Chef einer Berliner Mordkommission, auf zwei Mitschüler des Opfers, die regelmäßig Geld von ihm gefordert haben, eine Boulevardjournalistin, die offenbar mehr weiß als die Polizei, fanatische Hundeliebhaber und -hasser sowie den taffen Juniorchef eines Futtermittelkonzerns, dem der Großvater und Firmengründer ein Dorn im Auge zu sein scheint. Bald werden weitere Tote gefunden, und zusammen mit seiner neuen Kollegin, die sich reichlich unbeliebt zu machen versteht, taucht Morgenstern in die Abgründe des hauptstädtischen Lebens ein. Stephan Hähnel ist mit 'Gefundenes Fressen' ein grandioses Krimidebüt gelungen - voller Spannung, mit leiser Ironie und feinem Gespür für das Alltagsleben in seiner Heimatstadt. Sein Kommissar Morgenstern ist ein Berliner, wie er im Buche steht. Eigenwillig, unbeirrbar und mit sprödem Humor, deckt er einen Sumpf von Betrug, Erpressung und Korruption auf.

Montag, 9. Juni


Wenn Hans Morgenstern eine Tageszeitung benötigte, holte er sich die am Bahnhof Schönhauser Allee bei einem Straßenverkäufer. Meist kaufte er ein Produkt seriöser journalistischer Arbeit. Diesmal jedoch verlangte er dieBerliner Allgemeine. Wie immer wurde ihm das gute Stück mit den Worten in die Hand gedrückt:»Allet klar, Herr Kommissar! Picke bleibt sauber!«

Vor Jahren hatte Morgenstern den Mann, der seit seiner Fußballzeit Picke genannt wurde, beim Einbruch in eine Kneipe erwischt. Dummerweise hatte Picke sein eigentliches Ziel aus den Augen verloren gehabt und sich durch die Bestände der Bar getrunken, statt die Kasse zu plündern. Allzu weit war er nicht gekommen, und das Bedürfnis zu schlafen war stärker gewesen als der Durst. Morgenstern war in jener Nacht spät nach Hause gekommen und hatte sich gewundert, dass die Tür der Kneipe offen stand. Er hatte Picke mit einer Flasche im Arm schnarchend auf dem Tresen vorgefunden. Morgenstern hatte den Wirt informiert, und beide hatten lachend ein paar Sessel zusammengeschoben und Picke seinem Rauschüberlassen. Auf eine Anzeige hatte der Wirt verzichtet. Man kannte sich.

Seitdem fand man Picke jeden Morgen ab vier Uhr an seinem Platz auf der Eselsbrücke hinter demS-Bahnhof Schönhauser Allee.

Als Kommissar Bruno Biondi am Montagmorgen Morgensterns Büro betrat, merkte er sofort, dass er seinen Chef in der denkbar ungünstigsten Laune antraf. Offensichtlich war das Studium der Tageszeitung schuld an dessen verbissenem Gesicht. DieBerliner Allgemeine hatte einiges an Unbeherrschtheitüber sich ergehen lassen müssen und lag ramponiert auf dem Schreibtisch.

Sigrid Lucatelo hatte Wort gehalten und ihre Ankündigung vom Vorabend, dieÖffentlichkeitüber das Geschehen im Mauerpark zu informieren, in gewohnter Weise umgesetzt.

Hundehasser erklärt Berliner Hundebesitzern den Krieg Sebastian E. wurde Opfer eines Hundehassers! Musste erst ein Kind sterben, damit die Polizei die Gefahr ernst nimmt?

Am Sonnabendnachmittag starb der Neuberliner Schwabenjunge Sebastian E., elf Jahre, an einem präparierten Trockenfutter. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus. Wie aus ermittlernahen Quellen zu erfahren war, wurde Sebastian der Anschlag eines fanatischen Hundehassers zum Verhängnis. Was genau passiert ist, steht derzeit noch nicht fest.

Tatsache ist jedoch, dass der Streit zwischen Hundeliebhabern und Hundehassern auf entsetzliche Weise eskaliert ist. Einmal mehr wird deutlich, dass eineüberfordertePolizei nur noch dann agiert, wenn etwas wirklich Schreckliches geschehen ist.

Morgenstern war durchaus bewusst, dass es nicht Lucatelos Naturell entsprach, ausgewogenüber einen Sachverhalt zu berichten. Ihre Taktik, den Tod des Jungen als Aufhänger für eine bestimmte Botschaft zu benutzen, machte den Kommissar jedoch wütend. Dass ein Kind umgekommen war, las sich bei ihr wie eine Mahnung an die Berliner Hundebesitzer, jetzt erst recht auf ihre Lieblinge zu achten.

»Ziemlich viel Detailwissen«, bemerkte Biondi, nachdem er den Artikel gelesen hatte. Er stellte seine monströse Teetasse auf den Schreibtisch.»Ich frage mich, woher sie das alles weiß. Offiziell ist keine Information rausgegangen. Und was sindermittlernahe Quellen

»Lucatelo hat gestern am späten Abend noch angerufen. Sie wollte wissen, ob ich bestätigen kann, dass es sich bei dem Täter um einen Hundehasser handelt.«

»Und was hast du ihr gesagt?«

»Aus ermittlungstechnischen Gründen …«

Biondi atmete tief ein.»Das klingt nachÄrger. Lucatelo verfügtüber Insiderwissen. Ich glaube aber nicht, dass sie das von einem unserer Kollegen hat.«

»Ich treffe mich heute Nachmittag mit ihr. Inoffiziell.«

Einen Augenblick schwiegen beide.

Bevor Biondi den zusammengerollten Laborberichtüber den Tisch reichte, der in der vergangenen Nacht per Fax gekommen war, trank er einen großen Schluck Tee.»Es gibt noch weitere schlechte Nachrichten.«

Morgensternüberflog den Bericht, bis er die Zeile fand, welche die Todesursache nannte.»Zyankali?« Erneutüberflog er ungläubig den Laborbericht. Es gab keinen Zweifel. Sebastian war mit Zyankali vergiftet worden. Die Rechtsmedizinerin Sonja Bubka hatte das Ergebnis in einem Satz zusammengefasst und unterstrichen.

»Kennst du dich mit …«, Morgenstern studierte skeptisch die Bezeichnung,»  Kaliumzyanid aus?« Er selbst glaubte sich daran zu erinnern, dass in einem Lehrgang des Bundeskriminalamtes die tödliche Wirkung mit dem gleich