: Paola Mendoza, Abby Sher
: Sanctuary - Flucht in die Freiheit Ein dystopischer Jugendroman über die Sehnsucht nach Freiheit und Zuflucht - packend und hochaktuell
: Carlsen Verlag GmbH
: 9783646934052
: 1
: CHF 8.00
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: Jugendbücher ab 12 Jahre
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nominier für den Deutschen Jugendliteraturpreis! USA, 2032: Alle Bürger*innen werden durch einen ID-Chip überwacht. Es ist beinahe unmöglich, undokumentiert zu leben, doch genau das tut die 16-jährige Vali. Nachdem sie aus Kolumbien geflohen ist, hat sich ihre Familie ein Leben in Vermont aufgebaut. Als jedoch der ID-Chip ihrer Mutter nicht mehr funktioniert und ihre Stadt nach Undokumentierten durchsucht wird, müssen sie fliehen. Das Ziel: Kalifornien, der einzige Bundesstaat, der sich der Kontrolle entzogen hat. Doch als Valis Mutter festgenommen wird, muss Vali allein mit ihrem Bruder weiter, quer durchs gesamte Land, bevor es zu spät ist. Eine erschreckende, aber zu Herzen gehende Geschichte über den Willen zu überleben, konsequent aus der Sicht einer Migrantin geschrieben.

Paola Mendoza ist Autorin, Filmregisseurin, Aktivistin und Künstlerin, die sich an vorderster Front für Menschenrechte einsetzt. Sie ist Mitbegründerin des »Women's March« und Co-Autorin des New-York-Times-Bestsellers »Together We Rise«. Mendoza hat ebenfalls bei preisgekrönten Filmen mitgewirkt.

Kapitel 1

Nach fünfzehn Schritten war sie tot.

Fünfzehn – einer für jedes Jahr ihres Lebens, bevor es ausgelöscht wurde.

Ich saß am Küchentisch und hätte eigentlich Hausaufgaben machen müssen. Ichmachte sogar Hausaufgaben, aber mein Handy vibrierte die ganze Zeit, also tippte ich schließlich auf die Benachrichtigungen, und da war sie.

Ihren Namen habe ich nie erfahren. In den Berichten wurde sie bloß »illegale Fünfzehnjährige« oder »fünfzehnjährige Immigrantin« genannt, je nachdem, wer über sie sprach.

In den Meldungen aus dem Untergrund wurde sie auch als »mutig«, »rebellisch«, »furchtlos« bezeichnet.

Und in den Nachrichten der Regierung hieß es, sie sei »von Krankheiten gebeutelt«, »illegal«, »kriminell« gewesen.

X

Dabei war sie einfach ein Mädchen in meinem Alter. Sie trug ein ausgeblichenes Mickey-Mouse-T-Shirt und Jeans-Shorts, die sie am Bund umgekrempelt hatte und die ihr trotzdem fast von den schmalen Hüften rutschten. Irgendwie hatte sie es über den Maschendrahtzaun entlang des ausgebrannten Streifens Land zwischen Tijuana und San Diego geschafft. Über die verrostete, kaputte Barrikade, welche die Menschen auf mexikanischer Seite zurückhalten sollte. Sie stand da als Narbe. Als Mahnung. Als Warnung. Ihre einzige Funktion war, zu sagen:

BLEIBTWEG.IHRHABTHIERNICHTSVERLOREN.

Das Mädchen im Mickey-Mouse-T-Shirt hatte keine Zeit für Warnungen. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. Völlig unerschrocken löste sie sich vom Zaun und betrat das Niemandsland zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Das Mädchen war unbewaffnet, allein. Ihre dunklen Haare waren zu einem hüpfenden Pferdeschwanz zurückgebunden, und unter dem linken Auge hatte sie einen hellroten Kratzer. Abgesehen davon wirkte ihr Gesicht unversehrt, ruhig sogar, während sie über den staubigen Streifen Buschland zwischen Tijuana und der Mauer ging.

Richtig,der Mauer. DerGreat American Wall.

An der überhaupt nichts großartig war. Sie war vielmehr grotesk. Mit den fünfzehn Meter hohen Stahlbetonpfeilern und dem dichten Metallgeflecht verstellte sie den Himmel. Stacheldrahtspulen verliefen in mehreren Reihen quer da­rüber, und obendrauf befand sich ein Gewirr von Funken sprühenden Elektrokabeln. Die Regierung hatte Milliarden von Dollar dafür ausgegeben und die komplette Reserve einberufen, um dieses Ungetüm zu bauen. Um uns vom restlichen amerikanischen Kontinent abzuriegeln.

Stehen bleiben! Sofort!, knurrte es aus einem Lautsprecher an der Mauer.

Genau genommen befand sich das Mädchen noch nicht einmal aufUS-amerikanischem Boden. Doch wie der Präsident gern sagte, die Vereinigten Staaten von Amerika waren die großartigste Nation in der Geschichte der Großartigkeit, und wir mussten tun, was auch immer nötig war, um unsere heiligen Grenzen zu schützen. Deswegen war oben auf der Mauer eine ganze Kolonne der Grenzschutzpolizei aufgereiht. Grüne Zombies