: Thomas Neumeier
: Zuckermeer
: Ashera Verlag
: 9783948592042
: & Crunchy
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 221
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Endlich Semesterferien, doch Lottes heiß ersehnter Sommerurlaub steht unter einem seltsamen Stern. Sie und ihr Bruder staunen nicht schlecht, als sie das geerbte Strandhaus an der Ostsee von einer Kommune junger Künstler besetzt vorfinden. Dann sind da noch die zahlreichen Rätsel, die sich um das Haus, den Strand und ein geheimnisvolles Zuckermeer ranken. Nicht jeder Hausgast ist, was er zu sein scheint. Zwischen Partys, kunstschaffender Exzesse und Liebesfreuden erlebt Lotte einen atemberaubenden Sommer. 426 Seiten

Thomas Neumeier geboren in Neumarkt in der Oberpfalz, lebt als freiberuflicher Publizist und Bürokaufmann im schönen Beilngries im Altmühltal. Sein Roman-Debüt 'Alorndora - Die Erde im Meer der Sterne' erschien 2010 in der Edition Octopus. Diesem folgten etliche Romane in Klein- und Großverlagen in den unterschiedlichsten Genres.

Salz auf feuchten Lippen

 

Sehr geehrte Klimaanlage, du bist ein richtig fieses Miststück.

Lottes Laune näherte sich unaufhaltsam ihrem Tiefpunkt, daran konnte auch das sommerliche Bilderbuchwetter nichts ändern. Im Gegenteil. Es trug eher massiv dazu bei. Seit Stunden stach die Sonne von dem wolkenlosen Himmel, der dampfende Teer schien mit der warmen Luft zu verschwimmen und der Wagen hatte sich aufgeheizt wie ein Backofen.

„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist blau.“

Stressgeplagt, wie Beifahrer nun mal sind, wandte Torben den Kopf. „Ist das dein Ernst? Das haben wir zuletzt als Kinder gespielt.“

„Macht es das irgendwie schlecht?“

„Nein. Nein, ich schätze nicht.“ Er seufzte. „Also, was soll’s?“ Er nahm die Sonnenbrille ab und spähte aus dem offenen Beifahrerfenster. „Hier ist eine Menge Blau. Und das Meer rieche ich auch schon, glaube ich. Vielleicht die Straßenausschilderung da vorne? Nein, zu banal. Ha! Ich hab’s! Die Schubkarre da! In dem Pflanzgarten neben dem Lieferwagen.“

„Zweimal total daneben“, entgegnete Lotte am Steuer. „Beeil dich, gleich sind wir daran vorbei.“

Torben drehte den Kopf auf ihre Seite. Spätestens jetzt musste er das prächtige Mühlengebäude mit den roten Flügeln sehen, das linksseitig die Dächer dieses malerischen Dorfes überragte.

„Die Mühle“, erklärte Torben siegessicher, und Lotte bestätigte das.

„Du bist dran.“

„Wie willst du unter deiner schwarzen Sonnenbrille Farben erkennen?“

„Das ist mein Problem, oder? Mach schon.“

„Na gut. Okay, also pass auf: Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist gelb auf Blau.“

„Die Sonne am Himmel.“

„Nein, Blödsinn. Für wie einfältig hältst du mich? Die Sonne ist nicht mal gelb.“

Bevor Lotte einen neuen Tipp abgeben konnte, meldete sich die Stimme des Navigationsgeräts: „In zweihundert Metern links abbiegen.“

Lotte blickte auf das nicht zu übersehende Hinweisschild am Straßenrand. Noch knapp vierzig Kilometer bis zum Ostseebad Prerow. Demnach blieben ihr und ihrem Bruder noch eine Weile Zeit fürIch sehe was, was du nicht siehst. Wahrscheinlich zu viel davon. Sie folgte der Empfehlung des Navis und bog ab, als es der Gegenverkehr zuließ.

„Damit hast du es verpasst“, sagte Torben. „Es war das Plakat mit der Bierwerbung. Kein Punkt für dich.“

„Na schön, ich glaube, wir spielen doch nicht weiter.“

„Schlechter Verlierer“, schob Torben ihr unter, während er die an der letzten Tankstelle erworbene Zeitschrift auf seinem Schoß ausbreitete.

„Kannst du mal das Fenster schließen?“, bat Lotte. „Es zieht mir allmählich.“

Torben tat es. Wahrscheinlich nur, weil ihn der flatternde Fahrtwind beim