1. Kapitel
Sie war es nicht gewohnt, dass ihr entgegengefiebert wurde, möglicherweise sogar sehnsüchtig. Und dass Bruno sie auch heute wieder erwartete, erfüllte sie mit Freude. Allein dafür hatte es sich gelohnt, die Wohnung zu verlassen. Und das war gut, denn sie konnte ja nicht tage-, wochen- oder gar jahrelang allein in ihren vier Wänden hocken. Da würde man ja seltsam mit der Zeit. Und sie kannte wahrlich viele seltsame Menschen. Darüber hätte sie mal ein Forschungsprojekt anleiern sollen, über die zunehmende Verschratung allein lebender Personen. Was hätten die Kollegen im Institut die Augen verdreht, wenn sie das vorgeschlagen hätte!
Zu spät. Sie, Irene, wurde natürlich nicht komisch. Sie hatte eine Aufgabe; sie wurde erwartet. Von Bruno.
Früher, als sie noch in der Forschung tätig gewesen war, hatte niemand auf sie gewartet. Allenfalls ihr penibel aufgeräumter Schreibtisch im Institut ihres Arbeitgebers und möglicherweise auch der Abteilungsleiter, der – auf der Türschwelle stehend, quasi im Vorübergehen – wichtigtuerisch eine Abhandlung oder ein Statement anmahnte. Aber mit einem Lächeln oder mit Blumen in der Hand war sie dort kein einziges Mal empfangen worden, nicht einmal an ihren Geburtstagen und auch nicht in ihren eigenen vier Wänden. Der Mann, mit dem sie kurzzeitig verheiratet gewesen war, hatte dort nie sehnsuchtsvoll auf sie gewartet.
Zugegeben, das mit den Blumen hatte Bruno bisher auch noch nicht geschafft, aber das verzieh sie ihm.
Sie freute sich auf Bruno ebenso, wie er sich auf sie zu freuen schien. War nicht allein dies schon eine Form von Glück? Über Glück und vor allem darüber, wie man es halten und behalten konnte, wurde auch viel zu wenig geforscht. Dabei war Glück doch eigentlich ein großes Wunder, und ihr war es widerfahren.
Irene Thannberg fragte sich oft, warum sie nicht schon früher diesen Weg gegangen war, wenigstens an den Wochenenden oder im Urlaub. Ihr Leben wäre um einiges erfüllter gewesen. Sinnvoller auf jeden Fall als alle diese Expertisen und Broschüren, die sie im Lauf der Jahre publiziert hatte. Selbst in ihrer freien Zeit hatte sie daran geschrieben und Erkenntnisse zu Papier gebracht, die dann doch so gut wie niemand las. Welche Lebenszeitverschwendung!
Während ihrer Arbeit im Forschungsinstitut hatte sie als sogenannte Expertin soziologische Untersuchungen begleitet und deren Ergebnisse in Punktetabellen, wissenschaftlichen Gutachten und Anregungen festhalten müssen, aber kein einziges Mal hatte sie das befriedigende Gefühl gehabt, ihre Vorschläge würden ernst genommen oder auch nur ansatzweise berücksichtigt.
Eins ihrer Projekte beispielsweise hatte sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen befasst und in einem zweiten Schritt das Kaufverhalten von Menschen erforscht, die viel beziehungsweise wenig Geld besaßen. Diejenigen mit weniger Geld hatten sich als weitaus großzügiger erwiesen als die Wohlhabenden, was möglicherweise auch daran lag, dass die Einkommensschwachen so wenig zu verlieren hatten.
Bruno besaß gar kein Geld. Und er war besonders großzügig.
Mit ihren Filzpantoffeln betrat sie den Flur zu seinem Aufenthaltsraum und ging vor dessen Tür in die Hocke. Er schoss auf sie zu und begrüßte sie mit einem lautstarken »Miau«!
»Da bin ich«, erklärte sie, kroch auf allen vieren in sein Zimmer und lehnte sich im Schneidersitz an die Wand. Der getigerte Kater rieb den Kopf an ihrem Knie, drehte sich auf den Rücken, streckte alle Pfoten von sich und schnurrte. Sie atmete tief durch. Draußen im Freigehege rekelten sich Brunos Mitbewohner in der Oktobersonne. Irene lächelte und sonnte sich in ihrem Glück. Hoffentlich blieb er ihr noch lange.
Das war das einzig Traurige am Quellenhof. Wer hier wohnte, befand sich auf einer Durchgangsstation in ein hoffentlich besseres Leben und sollte so bald wie möglich vermittelt werden. Aber Bruno war nicht mehr der Jüngste, ebenso wie Irene nicht mehr die Jüngste war. Das Alter war in diesem Fall ihrer beider Glück. Familien wollten vor allem niedliche kleine Katzenbabys, die bei ihnen aufwuchsen und mit ihnen groß wurden, keine ausgewachsenen Kater mit festen Gewohnheiten und katzentypischen Macken. Bruno hatte durchaus seine Macken. Er biss ihr in den kleinen Finger, wenn er Futter wollte, und wehe, sie spurte nicht. Und wenn er unter dem Kinn gekrault w