Kapitel 1
»Ich muss wieder rein«, sagte Lysandros, zog seine Boxershorts mühselig hoch, beugte sich vor und streifte mit seinem Mund sein Ohr. »Du verrückter Kerl, ich liebe dich.«
»Ich liebedich.« Stephanos packte ihn glücklich am Hemd, zog ihn an sich und küsste ihn erneut leidenschaftlich.
»Was hältst du von einem Wochenende unter Palmen«, fragte Lysandros halb im Gehen, »Stavros hat für kommenden Samstag einige Liegen in der ersten Reihe gemietet, und wir könnten im Anschluss schön essen gehen und vielleicht in einem der kleinen Hotels dort übernachten.«
»Das ist eine tolle Idee, oder wir schlafen einfach am Strand und schauen uns die Sterne an«, schlug Stephanos begeistert vor.
»Ich würde lieber ein Zimmer buchen, sodass wir uns frisch machen können.« Lysandros schaute ihn an, lächelte und sagte: »Was ja nicht heißt, dass wir nicht nackt… ähm … nachtbaden können.«
Er kam noch einmal zurück und wuschelte ihm liebevoll durch das Haar, küsste ihn sanft und ging dann mit schnellen Schritten auf das Gebäude zu.
Stephanos fühlte sich noch immer aufgeputscht und erregt. Er hatte seinen Freund einfach nur überraschen wollen, und dass sich daraus eine seiner sexuellen Fantasien in Realität verwandelt hatte, war mehr als atemberaubend. Stephanos blieb noch einen Augenblick an die Wand gelehnt stehen, sein Atem beruhigte sich, und er zupfte sein T-Shirt zurecht, bevor er auf die Straße trat. Er schlenderte entspannt durch die Sonne zu seinem Wagen, als er ein sonderbar schabendes Geräusch hörte. Sein Körper versteifte sich, und er merkte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Es hörte sich an, als würde eine knisternde Jacke an einer Mauer reiben. Hatte sie etwa jemand beobachtet? Vorsichtig blickte er sich um, in der Erwartung einer Bedrohung direkt hinter ihm, doch da war nichts. Die schäbige Gasse war leer. Trotzdem überkam ihn ein mulmiges Gefühl und machte ihn atemlos.
Sie hatten geknutscht und auch heftig rumgefummelt. Es war irgendwie alles noch so neu für ihn, er wollte alles erleben und erfahren. Lysandros hatte bereits seine Erfahrungen gesammelt und erfüllte seine Wünsche nur zu gern. In einer Hausecke rumzumachen war reizvoll, aber dabei wirklich beobachtet zu werden, ohne zu wissen, von wem, fühlte sich nicht gut an. Es war einfach zu gefährlich, denn wenn seine Neigung ans Tageslicht kommen würde, landete er gewiss irgendwo in einer Klinik, um ihm dieseKrankheit auszutreiben.
Er hatte schon lange gespürt, dass mit ihm etwas anders war. Aber erst eine lange Europareise mit seiner Mutter hatte ihm die Augen geöffnet, denn es waren nie die Mädchen gewesen, die er bewundernd angeblickt hatte, weil ihr Streetstyle so großartig war. Es waren die schlanken Franzosen, die ihn um den Verstand gebracht hatten – und nicht selten hatte er im Anschluss Probleme gehabt, seine Erektion zu verbergen. In den noblen Designerläden der pulsierenden Großstadt arbeiteten die attraktivsten Männer, die er je gesehen hatte. Seine Gefühle hatten ihn verwirrt und er hatte an sich zu zweifeln begonnen. Das Internet war voll von Schmähungen, aber gleichzeitig auch voller Verlockungen. Als sie in Irakleio von Bord gegangen waren und er wieder zu Hause in seinem Zimmer gesessen hatte, war er sich klar darüber gewesen, dass er schwul war und dass sein Vater das nie erfahren durfte.
Michalis Lamdakis saß nämlich jeden Sonntag in der ersten Kirchenbank, und der Bischof war einer seiner engsten Freunde. Die Familie Lamdakis spendete jedes Jahr hohe Summen, und die Verbundenheit des Vaters zur Kirche war enorm. Daher wusste Stephanos, dass sein Vater es niemals akzeptieren würde, dass er sich gegen die Ideologie der klassischen Familie wandte. Anfangs hatte er mit dieser Erkenntnis gehadert und sich von sich selbst abgewandt, voller Scham über seine »Entgleisung«. Doch dann war ihm klar geworden, dass es nicht nur um Sexualität ging, sond