Kapitel 2
Elenis Blick glitt auf den Weg, der noch vor ihr lag. An manchen Stellen war er so steil, dass sie befürchtete, nicht hinabzukommen. Der gut gefüllte Rucksack auf ihrem Rücken machte den Abstieg nicht leichter. Einige Male hatte sie sich nach Atem ringend gefragt, warum sie das hier machte, war kurz stehen geblieben und dann doch weitergestapft. Sie hatte sich etwas vorgenommen, und davon ließ sie sich nicht so leicht abbringen. Das machte ihre Persönlichkeit aus, zumindest war ihre Familie dieser Ansicht.
Von deren Seite klang es aber eher nicht freundlich, sondern vielmehr wie ein Stigma oder gar eine Beleidigung. »Störrisch wie ein Esel« oder »eigensinnig wie eine Kri-Kri« benannten sie sie. Also wie eine der Ziegen, derer es Unmengen auf der Insel gab und die frei umherliefen und taten, was immer sie wollten. Es gab ganze Landstriche, die durch die sich frei bewegenden Schafe und Ziegen kahl gefressen waren. Nur die stacheligen Gewächse verschmähten sie, und das gab den Hügeln eine sonderbar anmutende Kargheit, durchzogen von grünen Linien, an denen man sich die Beine unschön aufritzen konnte.
Für die Touristen war es immer ganz wundervoll, wenn sie in den Bergen umherkurvten und plötzlich eine Horde haariger Paarhufer auf der Straße umherstolzierte. So, als hätten sie noch nie eine echte Ziege gesehen. Eleni wusste, dass es auch in anderen Ländern Ziegen gab und dass es sich bei den müffelnden Viechern keinesfalls um zauberhafte Einhörner handelte, die man wie ein Wunder bestaunen musste.
Auf Kreta gab es nur Superlative. Zumindest wenn es nach den Verfechtern der kretischen Einzigartigkeit ging: die höchsten oder tiefsten Schluchten, den rosafarbensten Strand, den größten natürlichen Palmenwald oder was auch immer. Alles war am größten, besten oder schönsten. Sonderbar war nur, dass sie es bei all dem Großartigen nicht auf die Reihe bekamen, wirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen. Doch diese Meinung wollte niemand zu Hause hören. Damit machte sie sich unbeliebt bei den sonntäglichen Familienessen, doch da sie diese Zusammentreffen mittlerweile ohnehin durch und durch verabscheute, war es ihr egal geworden, ob alle den Kopf über sie schüttelten.
Wahrscheinlich war auch ihr heutiges Vorhaben genau aus einer solchen Stimmung heraus entstanden: Sie hatte die Schnauze voll von dem Getue am Tisch und von den ärgerlichen oder mitleidigen Blicken der anderen. Ihre Schwägerin Emmanouela blickte sie immer an, als sei sie Opfer eines furchtbaren Unfalls und schwer am Hirn verletzt worden, und ihr Vater begann regelmäßig so laut mit den Zähnen zu knirschen, dass sowohl ihre Mutter als auch ihr Bruder ihr flehentliche Blicke zuwarfen, ihre Worte aufzuhalten. Doch sie hatte keine Lust mehr zu schweigen und sich unterzuordnen. Sie war achtzehn und nicht sieben. Sie wusste, was in der Welt vor sich ging, und war fähig, das politische Dickicht auf der Insel zu durchdringen. Und was sie am meisten hasste, waren der verfluchte Aberglaube, der sich wie eine genetische Manipulation von Generation zu Generation zu vererben schien – und natürlich die patriarchalische Rollenverteilung. Ihr Vater machte im Haus keinen Finger krumm, und falls man ihn bat, ein Glas aus der Küche zu holen, war es, als verlange man von ihm, den Boden der Küche abzulecken. Er werkelte nur im Garten und der Scheune herum. Benötigte er aber zum Beispiel bei der Reparatur eines Zaunstückes Hilfe, so hatte er kein Problem damit, ihren Namen oder den der Mutter zu brüllen. Da stimmte doch irgendwas in dem Kopf der Männer nicht.
Sie konnte nicht verstehen, warum die Mutter auf dieser sonntäglichen Bürde bestand. In ihren Gedanken hatte Eleni ihre Schwägerin bereits mehrfach mit einem der Fleischmesser feinstreifig filetiert, und auch für ihren Bruder Manolis hatte sie mehr als einmal blutige Todesarten ins Auge gefasst. Der Achtundzwanzigjährige hatte sich den Vater als Vorbild genommen, geheiratet, zwei Kinder gezeugt und seiner Frau verdeutlicht, dass er sie vor allem zur Aufzucht seines Nachwuchses geehelicht hatte. Na, wenn das nicht eine wunderbare Grundlage für eine respektvolle Beziehung war! Eigentlich konnte einem Emmanouela nur leidtun, aber sie hatte es sich irgendwie bequem gemacht in ihrem Leben. Sie war nach dem zweiten Kind wirklich fett geworden und hatte die Rolle der kretischen Ehefrau und Mutter ganz angenommen. Ihr Bruder hatte es sogar eingeführt, dass seine Frau ihn um das gemeinsame Auto bitten musste, falls sie irgendwohin fahre