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Marcy
»Lauren veranstaltet tatsächlich eine Scheidungsparty?«, murmle ich und binde meine pinkfarbenen Haare zu einem Messy Bun zusammen. Mein Wecker hat aus unerklärlichen Gründen heute nicht geklingelt, und ich bin mal wieder viel zu spät dran. In weniger als zehn Minuten muss ich das Café öffnen, und dabei bin ich noch nicht einmal dazu gekommen, mir eine Schürze umzubinden. Geschweige denn, zu duschen und mich zu stylen. Aus den Lautsprechern ist leise Michael Bublés Stimme zu hören, wie er darüber singt, dass es ihm gut geht. Ich wünschte, ich könnte dasselbe von mir behaupten.
Jack lehnt an der Kuchenvitrine und beobachtet mich stirnrunzelnd. Heute hat er seine Lederjacke gegen ein schwarzes Button-down-Hemd eingetauscht und die zimtbraunen Haare, die an den Spitzen noch feucht sind, unter einem Beanie versteckt. Ich ignoriere seinen kritischen Blick und mache mich an die Arbeit.
Noch acht Minuten.
Ich kann nur hoffen, dass sich heute der ein oder andere Gast in das Café verirrt und sich einen Coffee to go des Tages gönnt. Heute habe ich mich für einen Caramel macchiato entschieden und ihn auf die Tageskarte gesetzt.
Ich staple die zitronengelben und himbeerfarbenen Macarons auf eine Etagere und stelle sie in die Kuchenvitrine. Darin befinden sich bereits ein gedeckter Apfelkuchen, eine Buttercremetorte mit Marzipanstückchen, eine Schokoladentarte und frische Zimtrollen. Allein bei dem Anblick werde ich wieder schwach. Aber ich habe in der letzten halben Stunde schon so viele Macarons genascht, dass es mich nicht wundern würde, wenn Raelyn sie mir in Rechnung stellt.
Es ist verdammt schwer, standhaft zu bleiben, wenn man täglich in Versuchung geführt wird. Dabei habe ich mir bereits ein straffes Fitnessprogramm auferlegt, aber mit meiner Disziplin ist es nicht weit her.
Wenn es so weitergeht, werde ich mir eine neue Garderobe zulegen müssen.
Die Krümel, die sich auf meiner weißen No-Name-Bluse befinden, schüttle ich ab und blicke zu Jack, der mich immer noch beobachtet.
»Wie viele von diesen Dingern hast du schon gegessen?«
Ich zucke mit den Schultern und binde mir eine schwarze Schürze um, auf der in roter Schrift Iris geschrieben steht. »Keine Ahnung. Fünf oder sechs.« Okay, es waren neun. Ich habe diese Dinger praktisch inhaliert. Aber Jack würde mich nur damit aufziehen, deshalb diese kleine Notlüge. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sich über mein Gewicht lustig macht.
»Du weißt, dass sie einen Zuckerschock auslösen können.« Ich verdrehe die Augen und stecke demonstrativ einen mintgrünen Macaron in den Mund. Ich kann es nicht ausstehen, wenn er den Gesundheitsapostel heraushängen lässt.
»Das zieht bei mir nicht«, murmle ich und schlucke das zuckersüße Zeug hinunter. Aber ein wenig muss ich Jack recht geben. Iain könnte sich wirklich eine kalorienreduzierte Variante davon überlegen. Vielleicht würde das auch sein Geschäft ankurbeln.
»Das ist nur eine Masche, um mich davon abzubringen, weiterzuessen. Du solltest sie probieren, sie sind echt lecker. Iain hat sich mal wieder selbst übertroffen.«
Jack verzieht angewidert das Gesicht und deutet auf seinen Becher. »Danke, ich bleibe bei meinem Kaffee. Schwarz und bitter wie meine Seele.«
Noch drei Minuten.
Grinsend schüttle ich den Kopf, hole einen Lappen unter der Verkaufstheke hervor und mache mich daran, die neuen Holztische abzuwischen. Das Iris gehört meiner Freundin Raelyn, die aus New York nach Duncan, einem kleinem Dorf mitten in den schottischen Highlands gekommen ist, um das Café zu verkaufen, das sie von ihrer leiblichen Mutter geerbt hatte. Aber während ihres Aufenthalts hier hat sie nicht nur Duncan lieben gelernt, sondern auch Colin, der in einem der Fremdenzimmer hier im Haus gelebt hat. Nun sind die beiden verheiratet und haben eine acht Monate alte Tochter namens Gwendolyn.
Wann immer es mir möglich ist, helfe ich im Iris aus. Mittlerweile ist das Café mein zweites Zuhause geworden. Ich glaube sogar, ich hab im letzten Jahr öfter hier in einem der Sitzsäcke geschlafen als in meinem eigenen Bett.
Letzten Sommer haben Rae und Colin beschlossen, umzubauen und die Wand, die direkt an Iains Bäckerei angrenzt, eingerissen und einen Durchgang geschaffen. Jeder Kunde, der sich nun in der Bäckerei aufhält, kann einen Blick in das Café werfen. Im Gegenzug ist es Rae jet