: Christoph Neidhart
: Ein Fünfliber im Kuhfladen Die Schweiz von außen gesehen: lauter Sonderfälle
: Books on Demand
: 9783753488691
: 2
: CHF 6.60
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Schreib doch mal über die Schweiz, so wie du über Kirgisien oder Estland schreibst«, forderte die Redaktion des »Tages-Anzeiger-Magazins« den Publizisten Christoph Neidhart im Frühjahr 1999 auf: mit dem Blick von außen nach vielen Jahren als Auslandskorrespondent in Moskau und als Schweizer, der damals in Boston lebte und bis dahin vor allem für Schweizer Zeitungen aus Osteuropa, Russland und Skandinavien berichtet hatte. Obwohl die Schweiz nie sein Berichtsgebiet war, schrieb Neidhart schon vorher gelegentlich über sein Land. Vor allem für die Zeit­schrift »Trans­Atlantik«. So beispielsweise über die Glarner Landsgemeinde oder den Filz von Davos. Und über Schweizer Schokolade und die Banken. Die 14 hier versammelten Essays zeigen, wie sich die Schweiz in den letzten 30 Jahren verändert hat. Und wie sehr sie gleichgeblieben ist. Zusammen bilden sie einen Spiegel, den Neidhart seiner Heimat von außen vorhält.

Christoph Neidhart war bis zu seiner Pensionierung Korrespondent der »Süddeutschen Zeitung« und des »Tages-Anzeiger« in Tokio, wo er seit zwanzig Jahren lebt. Zuvor berichtete er aus Russland, den früheren Sowjetrepubliken, Skandinavien und Osteuropa. Als Visiting Scholar am Russland-Institut der Harvard-University arbeitete er vier Jahre an einem Forschungsprojekt. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem »Die Nudel, eine Kulturgeschichte mit Biss« und »Die Ostsee. Das Meer in unserer Mitte«. In der Edition Isele ist »Museum des Lichts. Petersburger Lieben« erschienen. Ab und zu schrieb der in Basel geborene Journalist und Schriftsteller auch über die Schweiz: mit dem Blick eines Schweizers aus der Ferne.

Jodler und Gegenjodler


Die »richtige« und die real existierende Schweiz


Schüsse dringen durch meinen Schlaf, wie vor einiger Zeit in Tschetschenien. Aber ich bin doch in Zürich. Bubenstreiche, Frauenfürze vielleicht? Darf man das überhaupt noch sagen? Nein, das ist ein Schuss. Und irgendwas plumpst auf die Gasse hinunter.

Wer nach Hause zurückkehrt, schaut nur flüchtig hin. Auch dann noch, wenn das längst nicht mehr sein Zuhause ist. Er sieht nichts, kennt ja alles, erkennt bloß wieder: vertraute Gesichter und gewohnte Geräusche. Und ist überrascht, weil vieles doch nicht mehr stimmt. Die ehemaligen Mitschüler sind alt geworden, grau. Und jene Leute, die einst viel älter waren, scheinen immer noch so alt wie früher. In Zürich gibt es noch mehr Boutiquen, dafür weniger kleine Läden. Im Niederdorf verramscht »Racher, Zeichen- und Malbedarf« gerade seine Farbstifte, Pinsel, Staffeleien und Reißbretter. Wieder ein Wahrzeichen, das verschwindet. Immerhin, die Geräusche an der Krebsgasse sind die gleichen geblieben: die Stimmen, die Straßenmusiker, die Kirchenglocken, nachts der Lärm der Beizen. Und im Morgengrauen das Scheppern von Harassen: Die Safran-Zunft wird beliefert, ich bin in Zürich.

Aber was sind das für Schüsse?

Seit mehr als zehn Jahren mache ich in Zürich Sommerferien, bin zuweilen auch im Frühjahr oder Herbst ein paar Tage oder Wochen hier, nicht nur für Ferien. Lange kam ich aus Moskau, jetzt aus Boston. Der Kleiderschrank ist leer, aber meine Bücher sind noch da, die meisten jedenfalls. Meine Schweiz ist eine Briefkasten- und Ferien-Schweiz geworden. Eine Schweiz der Verwandten- und Redaktionsbesuche. Was hier passiert, geht größtenteils an mir vorbei. Zuerst habe ich aufhört, den Inland-Teil zu lesen, irgendwann die Schweizer Zeitungen überha