Jodler und Gegenjodler
Die »richtige« und die real existierende Schweiz
Schüsse dringen durch meinen Schlaf, wie vor einiger Zeit in Tschetschenien. Aber ich bin doch in Zürich. Bubenstreiche, Frauenfürze vielleicht? Darf man das überhaupt noch sagen? Nein, das ist ein Schuss. Und irgendwas plumpst auf die Gasse hinunter.
Wer nach Hause zurückkehrt, schaut nur flüchtig hin. Auch dann noch, wenn das längst nicht mehr sein Zuhause ist. Er sieht nichts, kennt ja alles, erkennt bloß wieder: vertraute Gesichter und gewohnte Geräusche. Und ist überrascht, weil vieles doch nicht mehr stimmt. Die ehemaligen Mitschüler sind alt geworden, grau. Und jene Leute, die einst viel älter waren, scheinen immer noch so alt wie früher. In Zürich gibt es noch mehr Boutiquen, dafür weniger kleine Läden. Im Niederdorf verramscht »Racher, Zeichen- und Malbedarf« gerade seine Farbstifte, Pinsel, Staffeleien und Reißbretter. Wieder ein Wahrzeichen, das verschwindet. Immerhin, die Geräusche an der Krebsgasse sind die gleichen geblieben: die Stimmen, die Straßenmusiker, die Kirchenglocken, nachts der Lärm der Beizen. Und im Morgengrauen das Scheppern von Harassen: Die Safran-Zunft wird beliefert, ich bin in Zürich.
Aber was sind das für Schüsse?
Seit mehr als zehn Jahren mache ich in Zürich Sommerferien, bin zuweilen auch im Frühjahr oder Herbst ein paar Tage oder Wochen hier, nicht nur für Ferien. Lange kam ich aus Moskau, jetzt aus Boston. Der Kleiderschrank ist leer, aber meine Bücher sind noch da, die meisten jedenfalls. Meine Schweiz ist eine Briefkasten- und Ferien-Schweiz geworden. Eine Schweiz der Verwandten- und Redaktionsbesuche. Was hier passiert, geht größtenteils an mir vorbei. Zuerst habe ich aufhört, den Inland-Teil zu lesen, irgendwann die Schweizer Zeitungen überha