Die Kretschamstraße in Neustadt O.S.
Prudnik, Kretschamstraße 14 (Wohnhaus Familie Weiner), etwa 1973
In der Kretschamstraße wohnten meine Großeltern mütterlicherseits. Hier verbrachten wir Schneider-Jungen viele Jahre unserer Kindheit. Kretscham ist sorbisch und heißt etwa Wirts- oder Gasthaus.
Und nun sollen sich meine Erinnerungen den Bewohnern der Straße zuwenden:
Auch diese Straße war, wie alle Straßen in Neustadt, auf einer Seite mit den geraden, auf der gegenüberliegenden mit den ungeraden Hausnummern versehen. Die gerade Seite begann mit der Rückseite von Stallgebäuden, die zum Ausspann- und Gasthof von Madzodko gehörten. Daher begann die Reihe mit einem stillen Gutshof, der die Nummer 6 trug. Im Inneren lag eine Tischlerei, bei der ich mich 1934 vergeblich um eine Lehrstelle beworben hatte. Nummer 8 war das Wohnhaus des Großbauern Günthner. Ihn und seine Kinder kannte ich von Erntehilfen her nur flüchtig. Das eigentliche Gut erstreckte sich hinter der Häuserreihe. Die Nummer 12 war von mehreren Familien bewohnt. Unten wohnte Frau Fischer mit ihrer Tochter Rosi. Der Vater war als Monteur meistens irgendwo unterwegs. Ich habe keine Erinnerung an ihn. Unten wohnte auch die Hauswirtin. Im Monat Mai erhielten wir Kinder für kistenweise abgelieferte Maikäfer entweder Eier oder ein paar Groschen, denn sie fütterte damit ihre große Hühnerschar. Im ersten Stock wohnte die Familie des Ziegelkutschers Rabenstein. Sie hatten einen Sohn Namens Alfred, der in der Reichswehr als sogenannter „Zwölfender“ in der Ferne diente. Max war mein engerer Schulfreund. Er avisierte später zum französischen Fremdenlegionär in Afrika und starb nachher an einem Raucherbein. Sein Bruder Paul gehörte ebenfalls zu unserem engeren Spielkreis. Nummer 14 war das Haus, in dem meine Weiner-Großeltern in einer großen Einraumwohnung im Erdgeschoss wohnten. Der Raum war durch eine Holzwand in zwei Räume geteilt. Hier arbeitete mein Großvater Julius als Flickschuster an einem Fensterplatz. Mit im Haushalt lebten einige ihrer neun Töchter sowie vier Enkel.
Neben meinen Großeltern wohnte ebenfalls in einem Raum der Tischler Karl Pflaum. Im letzten Raum vor der Hoftür lebte Fräulein Titze. Im Hof stand noch ein Nebenhäuschen, in das später die Familie Famula einzog, nach Tante Marthas Heirat. Im ersten Stock lag die Wohnung von Hauswirt Steiner. Sie hatten ein Enkelkind Namens Alice, das ab und zu als Besuch auftauchte. Ich höre noch heute nach so vielen Jahren die damaligen Worte der evangelischen Großmutter: „Gell Licia, wenn du katholisch wärst, wärn wir dir a nie so gutt!“
Weil Max Rabenstein einmal mit einem Stein nicht über das Hausdach, sondern nur durch Steiners Fenster traf, konnte man noch öfter die Wirtin sagen hören: „Der Stein fiel mitten auf den Tisch!“ Sie und ihr Mann jagten Max gemeinsam, mit Ausklopfern bewaffnet, um einen vor dem Haus stehenden Ackerwagen vom Günthner-Bauern. Max konnte