: Georg Schneider
: Agathe Beitz, Martin Beitz
: Ein Tischlergeselle wird Lehrer Von Neustadt in Oberschlesien nach Köthen (Anhalt)
: Stockwärter Verlag
: 9783966920216
: 1
: CHF 8.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 454
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Georg Schneider (1919-2008) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Neustadt in Oberschlesien auf. Von seiner Arbeit als Tischler wurde er durch den Krieg abberufen und konnte nach einer schweren Verwundung zwar in seine Heimat zurückkehren, doch dann verschlug es ihn nach Anhalt, wo er Schuldirektor in Osternienburg und Oberlehrer in Köthen wurde. In seinen als Autobiographie verfassten Aufzeichnungen schildert er prägnante Episoden sowie die scheinbaren Kleinigkeiten des Lebens.

Am 14.09.1919 wurde Georg Schneider in Neustadt O.S. (heutiges Prudnik) geboren. Seine Eltern, Emilie und Alfred Schneider, arbeiteten als Schuhmacher. Der Vater starb 1936, die Mutter lebte bis 1978. Georg hatte noch zwei jüngere Brüder. Nach dem Besuch der Volksschule in Neustadt kam er in eine vierjährige Lehrausbildung als Bau- und Möbeltischler und legte die Gesellenprüfung 1938 ab. 1939 zog Georg nach Köthen und arbeitete bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht im Oktober 1940 bei der Bautischlerei Richard Binder. Vom Ausbildungsbataillon 4 in Magdeburg kam er nach Nordfrankreich zur 267. Infanteriedivision. In der Schlacht um Moskau wurde Georg am 13.12.1941 schwer verwundet. Danach befand er sich zwei Jahre in Lazaretten in Biala Podlaska, Wien und Neustadt. 1942 heiratete er die Sekretärin Amanda Hoke aus Neustadt. 1943 wurde er als dienstunfähig aus der deutschen Wehrmacht entlassen. Bis zur Evakuierung arbeitete er in der Tischlerei Preiß als Geselle. Im Dezember 1943 wurde in Neustadt die erste Tochter, Irene-Mathilde geboren. Georgs Familie wurde am 17.03.1945 nach Zwittau (Svitavy, Tschechien) umgesiedelt. Dort arbeitete Georg wieder in einer Tischlerei und erlebte den Sieg der Roten Armee, die am 09.04.1945 in Zwittau einzog. Er durfte noch bis Ende August dort bleiben und arbeiten, weil Ende Mai 1945 seine zweite Tochter, Christine geboren worden war. Die Familie wurde Ende August 1945 aus der damaligen Tschechoslowakischen Republik ausgesiedelt und gelangte über Lager in Dresden und Riesa wieder nach Köthen. In Köthen arbeitete Georg zunächst bei der Bautischlerei Binder und wurde dann für den Wiederaufbau beschädigter Gebäude in Dessau eingesetzt. Seine erste Tochter verstarb im Oktober 1945 an Diphtherie. 1946 absolvierte Georg einen Neulehrerkurs in Köthen. Nachdem er seine erste Lehrerstelle an der Volksschule Weißandt-Gölzau angetreten hatte, zog die Familie im Juni 1946 dorthin. In den Jahren 1948, 1951 und 1952 wurden zwei weitere Töchter und ein Sohn geboren. 1952 wurde Georg als stellvertretender Schuldirektor nach Osternienburg versetzt. 1955 wurde er dort Direktor. Er erwarb die Anerkennung als Fachlehrer für Deutsch und Geschichte. 1964 wurde er in die Abteilung Volksbildung Köthen als Schulinspektor und 1966 als Kaderreferent berufen. Von 1968 bis zum Rentenalter arbeitete er als Fachlehrer an der Erweiterten Goethe-Oberschule Köthen. Georg Schneider verstarb am 15.07.2008 in Köthen, drei Jahre nach seiner Frau Amanda.

Die Kretschamstraße in Neustadt O.S.

Prudnik, Kretschamstraße 14 (Wohnhaus Familie Weiner), etwa 1973

In der Kretschamstraße wohnten meine Großeltern mütterlicherseits. Hier verbrachten wir Schneider-Jungen viele Jahre unserer Kindheit. Kretscham ist sorbisch und heißt etwa Wirts- oder Gasthaus.

Und nun sollen sich meine Erinnerungen den Bewohnern der Straße zuwenden:

Auch diese Straße war, wie alle Straßen in Neustadt, auf einer Seite mit den geraden, auf der gegenüberliegenden mit den ungeraden Hausnummern versehen. Die gerade Seite begann mit der Rückseite von Stallgebäuden, die zum Ausspann- und Gasthof von Madzodko gehörten. Daher begann die Reihe mit einem stillen Gutshof, der die Nummer 6 trug. Im Inneren lag eine Tischlerei, bei der ich mich 1934 vergeblich um eine Lehrstelle beworben hatte. Nummer 8 war das Wohnhaus des Großbauern Günthner. Ihn und seine Kinder kannte ich von Erntehilfen her nur flüchtig. Das eigentliche Gut erstreckte sich hinter der Häuserreihe. Die Nummer 12 war von mehreren Familien bewohnt. Unten wohnte Frau Fischer mit ihrer Tochter Rosi. Der Vater war als Monteur meistens irgendwo unterwegs. Ich habe keine Erinnerung an ihn. Unten wohnte auch die Hauswirtin. Im Monat Mai erhielten wir Kinder für kistenweise abgelieferte Maikäfer entweder Eier oder ein paar Groschen, denn sie fütterte damit ihre große Hühnerschar. Im ersten Stock wohnte die Familie des Ziegelkutschers Rabenstein. Sie hatten einen Sohn Namens Alfred, der in der Reichswehr als sogenannter „Zwölfender“ in der Ferne diente. Max war mein engerer Schulfreund. Er avisierte später zum französischen Fremdenlegionär in Afrika und starb nachher an einem Raucherbein. Sein Bruder Paul gehörte ebenfalls zu unserem engeren Spielkreis. Nummer 14 war das Haus, in dem meine Weiner-Großeltern in einer großen Einraumwohnung im Erdgeschoss wohnten. Der Raum war durch eine Holzwand in zwei Räume geteilt. Hier arbeitete mein Großvater Julius als Flickschuster an einem Fensterplatz. Mit im Haushalt lebten einige ihrer neun Töchter sowie vier Enkel.

Neben meinen Großeltern wohnte ebenfalls in einem Raum der Tischler Karl Pflaum. Im letzten Raum vor der Hoftür lebte Fräulein Titze. Im Hof stand noch ein Nebenhäuschen, in das später die Familie Famula einzog, nach Tante Marthas Heirat. Im ersten Stock lag die Wohnung von Hauswirt Steiner. Sie hatten ein Enkelkind Namens Alice, das ab und zu als Besuch auftauchte. Ich höre noch heute nach so vielen Jahren die damaligen Worte der evangelischen Großmutter: „Gell Licia, wenn du katholisch wärst, wärn wir dir a nie so gutt!“

Weil Max Rabenstein einmal mit einem Stein nicht über das Hausdach, sondern nur durch Steiners Fenster traf, konnte man noch öfter die Wirtin sagen hören: „Der Stein fiel mitten auf den Tisch!“ Sie und ihr Mann jagten Max gemeinsam, mit Ausklopfern bewaffnet, um einen vor dem Haus stehenden Ackerwagen vom Günthner-Bauern. Max konnte