: Chantal Foster
: Im Schmelzwasser
: Books on Demand
: 9783752679908
: 1
: CHF 3.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 182
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Caterina den reiselustigen Henning kennenlernt, ahnt sie noch nicht, dass sie wenige Monate später dabei helfen soll, seinen Tod aufzuklären. Doch die Erinnerungen an ihn sind vage, es gab nicht viel mehr als ein paar E-Mails. Die Unsicherheit in Bezug auf Henning mischt sich mit der Frage nach Caterinas eigener Herkunft und ihrer Suche nach einem Platz, an den sie gehört... 1944. Luca kämpft mit einer Gruppe Partisanen dafür, Italien von der deutschen Besatzung zu befreien. Der Kampf fordert Tribute und Luca beginnt an seinen Idealen zu zweifeln. Als ein schwerer Schneesturm ihn auf einer Berghütte gefangen hält, lernt er Monica kennen, die sein Denken radikal verändert. Doch so wie der Schnee zu schmelzen beginnt, so verrinnt auch ihre gemeinsame Zeit... Zwei Schauplätze, zwei Leben vereinen sich zu einem Schicksalsstrom, der klärend und aufwühlend zutage fördert, aber auch wegschwemmt.

Chantal Foster, in Zürich geboren, studierte an der Universität Lausanne Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte. Einen grossen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in Nordostitalien, im Friaul, wo sie die faszinierenden Ursprünge des Val Resia entdeckte. Heute lebt und arbeitet die Autorin in Lausanne.

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OKTOBER, 1944


Die Tiere würden es zuerst spüren. Sein Vater und dessen Vater hatten es ihm zu jener Zeit eingeschärft. Kaum achtjährig war er, in einem fernen Sommer, als er die Herde zum ersten Mal auf die Malga begleiten durfte. Die Männer hatten ihm dunkle Geschichten erzählt. Ihre Stimmen hatten sich zu kleinen Lauten zusammengezogen, und je säuselnder sie geworden waren, desto tiefer hatte er, das einzige Kind, sich geduckt. Seine Arme um die angezogenen Beine geschlungen, konnte er den Fortgang ihrer Beschreibungen kaum erwarten, obwohl ihm angst und bange war. Sein Atem stockte und er presste seinen pochenden Brustkorb gegen die Knie, als könnte sein Körper auf diese Weise die schleichenden Schatten und furchterregenden Bilder bannen, die sich vor ihm und in ihm plötzlich aufbauten. Das Lagerfeuer flackerte in den Antlitzen der Älteren. Ihre Augen glänzten wie Onyxsteine im Widerschein vergrößert und schienen aus ihren Gesichtern hervorzuquellen.

Er solle auf der Hut sein, hatten sie ihn gewarnt. Und sie beobachten die Tiere. Jede ihrer Regungen. Sollten sie sich jemals widernatürlich verhalten, so lauere Gefahr. Absonderliches Verhalten sei ernst zu nehmen. Er solle sich das hinter die Ohren schreiben. Als sie an jenem Abend um das Feuer saßen – die Männer hatten ein Fläschchen Grappa geöffnet, in ihren furchigen, rußigen Fingern schwenkte eine selbstgedrehte Zigarette auf und ab –, erzählten sie ihm von eigentümlichen Begebenheiten. Von Kühen, die vor