„Nirgendwo ist Achtsamkeit leichter als in der Natur, und auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit der Menschen.“ Mit diesem Satz haben wir die erste Auflage unseres Achtsamkeitsbuches begonnen. „Auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit des Menschen“ – der zweite Teil des Satzes drängt sich uns auf, als wir im Sommer 2020 in einem uns vertrauten Wald unterwegs sind. Der Satz hat eine beunruhigende Aktualität bekommen. Dort, wo noch bis vor kurzem wunderschöne Fichtenwälder dazu eingeladen haben, Achtsamkeit in der Natur zu üben, stehen großflächig nur noch dürre oder absterbende Bäume. Die klimatischen Veränderungen betreffen längst nicht nur die Fichten, sondern es steht uns ein viel tiefgreifender Wandel bevor: Die Eschen gehen weiträumig an der eingeschleppten Triebspitzendürre zugrunde, die Buchen leiden an vielen Standorten unter der Trockenheit und selbst die als robust geltenden Ahornbäume kämpfen als Folge der warmen und trockenen Sommer mit verschiedenen Pilzkrankheiten. Das Kreischen der Motorsägen ist allgegenwärtig: Schon den ganzen Sommer über versuchen Forstarbeiter, Wege und Straßen zu sichern und den Borkenkäfer in Schach zu halten. Sie werden weit über das laufende Jahr hinaus alle Hände voll zu tun haben.
Ein Ende ist nicht in Sicht: Das klimabedingte Waldsterben ist in vollem Gange. Viele Gedanken kommen uns in den Sinn: Sie entstehen aus persönlicher, beruflicher und ökologischer Betroffenheit. Unser Blick wandert über die Hügel, Täler, Wälder. Könnte man in dieser Gegend Achtsamkeitskurse in der Natur anbieten? Auch wenn man die Eigenwerte der Natur betont und die Achtsamkeitspraxis in der Natur nicht nur zum Wohle von uns Menschen betreiben will: Möchte man wirklich permanent die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen geführt bekommen und in den Ohren haben? Bisher schätzten es Kursteilnehmer, dass sie Achtsamkeit in der Natur an einem Ort erlebten, an dem sie auftanken und sich erholen konnten und an dem sie zugleich berührt wurden von der Schönheit der Gegend.
In den letzten fünf Jahren seit der Erstauflage des Buches haben sich die Angebote erheblich vermehrt, die die Schönheit, den Duft und den Klang der Wälder einsetzen, um mit dem „Patient Mensch“ den „Doktor Wald“ aufzusuchen. Viele stressgeplagte Menschen erleben gerade die Wälder als Heil- und Kraftorte. Wir haben uns gefreut, dass achtsame Anlässe in der Natur, z. B. unter dem Label „Waldbaden“1, regelrecht am Boomen sind. Sie schienen uns eine niederschwellige und durchaus angenehme Möglichkeit, Menschen in Kontakt mit der Natur zu bringen. Gleichzeitig dachten wir aber auch, dass der Ansatz zu einfach ist und dass diese Angebote aus biologischer, naturpädagogischer, aber auch ethischer Perspektive zu sehr auf uns Menschen, unsere Gesundheit und Erholung und unser Befinden ausgerichtet sind. Nun wurde bei der gemeinsamen Erkundung die Frage konkreter: Kann man im Wald „baden“ und den Fichtenduft wegen seiner biochemischen Substanzen einatmen, um die eigene Gesundheit zu stärken, und dabei übersehen, wie angeschlagen die scheinbar vitalen Bäume in Wirklichkeit sind? Man kann es übersehen, wenn man sich vor allem für das interessiert, was das eigene Befinden verbessert. Der Wald wird dann zu einem Anlass, innere Ruhe und Ausgeglichenheit mithilfe der meist positiven Ausstrahlung dieses Lebensraumes wiederherzustellen. Die Terpene, Stoffe, die die Bäume abgeben, sollen nebenbei das Immunsystem in Schwung bringen. Dabei kann man sich durch die Achtsamkeit legitimiert fühlen. Ist es denn nicht ihr Ziel, einen Zustand der Ruhe und Gelassenheit inmitten einer unheilvollen und leidvollen Welt herzustellen? Werden wir nicht dabei aufgefordert, den Weg in die Gegenwart und nach innen zu gehen, wo allein diese Erlösung zu finden ist? Warum dann nicht den Anblick sterbender Bäume meiden und auf gesündere Wälder in der Umgebung ausweichen, denen das Schicksal noch bevorsteht?
Aber ist das ein befriedigender Weg und ist es