1. Habe ich ein Problem?
1.1 Schüchternheit und Soziale Phobie
Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht einmal Angst davor hat, sich zu blamieren, peinlich zu verhalten oder von anderen abgelehnt zu werden. Schüchternheit und leichte Formen von sozialer Unsicherheit sind sehr weit verbreitet. Es wird Sie vermutlich entlasten zu hören, wie viele Menschen sich in bestimmten Situationen oder auch generell als schüchtern oder gehemmt erleben. Die Angst, vor einer Gruppe zu reden, geben 50 Prozent aller Befragten als Problem an (Hoyer& Härtling, 2019). Dabei kennen die meisten Menschen in so einer Situation Anspannung, Aufregung und eine gewisse Erwartungsangst.
In einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe (Stein, Walker& Forde, 1994) wurde nach sozialen Ängsten gefragt. Dabei stellte man fest, dass sich mehr als die Hälfte der Teilnehmenden als schüchtern bezeichnete und 61 Prozent der Befragten unter sozialen Ängsten in mindestens einer Situation litt. „33 Prozent der Befragten schätzten ihre Angst als ‚viel größer‘ als die meisten anderen Menschen ein“.
Bereits in der Schule oder im Studium wagt ein Schüler oder eine Studentin oft nicht, bestimmte Fragen zu stellen aus Sorge, von anderen als dumm empfunden zu werden und sich dann unterlegen zu fühlen. Sich selbst zeitweise als schüchtern, gehemmt, zurückhaltend, introvertiert und in bestimmten sozialen Situationen als unsicher oder ängstlich zu erleben ist normal. Typisch ist zum Beispiel die Befangenheit zu Beginn einer Feier, wenn man den Raum betritt. Da hilft das Glas Sekt zur Begrüßung, denn das löst die Zunge. Auch sonst eher unbefangene und kommunikative Menschen verkrampfen manchmal und fühlen sich etwa in Redepausen unwohl. Ebenfalls normal ist das Gefühl von Scham, beispielsweise bei einem Missgeschick, wenn man versehentlich im Restaurant etwas vom Tisch hat fallen lassen. Es gibt wohl kaum jemanden, dem es angenehm ist, bei einer neuen Arbeitsstelle am ersten Tag den Kollegen vorgestellt zu werden und ein paar Worte über sich selbst zu sagen; oder der in größerer Runde bei einem Meeting die Ergebnisse eines Projektes vorstellen soll und sonst wenig Erfahrung damit hat, etwas zu präsentieren. Man geht davon aus, dass mehr als 60 Prozent der Menschen aufgeregt sind oder zumindest leichte Ängste verspüren, wenn sie vor einer Gruppe reden sollen (Stein, Walker& Forde, 1994).
All diese Beispiele von plötzlicher Befangenheit, Schüchternheit, Hemmung oder Peinlichkeit können vorkommen und sind weitestgehend normal. Diese Schüchternheit wird zudem meistens von den Betroffenen akzeptiert: Die Momente von Unbehagen sind dabei zwar nicht angenehm, werden aber bald darauf wieder vergessen. Eine gesunde Reaktion besteht darin, einzelne Situationen von Unsicherheit nicht so tragisch zu nehmen und sich davon nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.
Wann wird Schüchternheit zum Problem?
Ein Hauptfaktor, der dazu beiträgt, dass jemand ein ernstes Problem mit Schüchternheit hat, ist der Leidensdruck: Wenn die sozialen Ängste häufiger werden und das Leben begleiten, wenn sie mit negativen Gedanken und Bewertungen der eigenen Person verbunden sind, dann fangen sie an, das Leben zu beeinträchtigen. Wenn die anfänglich „normale“ Schüchternheit dazu führt, dass soziale Situationen gemieden werden und beispielsweise Termine wegen einer vorgetäuschten Krankheit abgesagt werden, dann wird die Unsicherheit zu einer Sozialen Phobie.
Dies ist auch dann der Fall, wenn die Angst vor Bewertung „grundsätzlicher“ Natur ist und mit dem Gefühl einhergeht, in vielen Situationen oder immer von anderen als unsicher, inkompetent, langweilig oder unattraktiv angesehen zu werden.
Wenn Sie meistens Angst davor