: Danka Todorova, Ulrike Mülhaupt
: Mia und die Perlenkettenmacherin deutsch - bulgarisch
: Books on Demand
: 9783753413518
: 1
: CHF 5.20
:
: Hobby, Haus
: German
: 60
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sachbuch für Kinder in deutsch-bulgarisch. Für alle Pädagogen, Familien und Italien Fans ein Handwerk aus Venedig.

Ich heiße Mia und wohne in Karlsruhe. Meine Mama Viktoria, die von allen Verwandten und Freunden Vicki genannt wird, hat eine Kunstbox.

Das ist eine offene Box. Darin befindet sich eine Scheibe, die sich dreht. Auf der Scheibe befestige ich ein Blatt Papier und während sich die Scheibe dreht, schütte ich verschiedene Farben auf das Blatt.

So entsteht ein einzigartiges Bild. Mir gefallen die Farben und ich hüpfe immer wieder vor Freude auf und ab, wenn ein Bild fertig ist.

Ich und meine Mama reisen sehr viel. Dieses Wochenende sind wir in einer Kunstwerkstatt in Venedig als Gäste eingeladen.

Wir fliegen freitagabends in die Lagunenstadt. Der Flughafen heißt Marco Polo und ist nicht groß. Als wir gelandet sind, wird mir mulmig, ich habe Angst, ins Wasser zu fallen.

Ein Boot bringt uns zum Hotel. Man kann in Venedig nur mit Booten fahren oder zu Fuß gehen, weil in der Stadt mit ihren zahlreichen Kanälen und Brücken keine Autos oder Busse fahren können.

Am nächsten Tag besuchen wir die Kunstwerkstatt, wo meine Mama unsere Kunstbox zeigen möchte, und wir lernen ein neues Handwerk kennen. Und zwar, wie man aus Glasperlen Halsketten und andere Schmuckstücke anfertigt. Alle Mädchen in Deutschland sind verrückt danach, Perlenketten zu machen.

Die Werkstatt gehört Paola. Sie ist die Mama von Laura, einem Mädchen, das Perlenkettenmacherin oder Perlenauffädlerin ist. Laura und ihre Freundinnen begrüßen uns. Laura hat mittelbraunes Haar, eine für ein italienisches Mädchen sehr helle Haut, ein paar lustige Sommersprossen und ein sympathisches Lächeln. Lauras Freundinnen sind Mirella, die eine Brille trägt und die kleine rothaarige Katrin.

Alle drei sind sehr freundlich und ich mag sie auf Anhieb.

Laura erzählt: »Ich fädle Glasperlen auf und mache daraus Halsketten und Armbänder, die in venezianischen Geschäften verkauft werden.«

»Wir haben solche Geschäfte gesehen, als wir hierher gefahren sind.«

»Infilaperle heißen die Mädchen und Frauen, die Perlen zu Schmuck aufreihen«, erklärt uns Laura. »Der Begriff geht auf das italienische Wort infilare, übersetzt auffädeln, zurück. Im venezianischen Dialekt benutzt man die Ausdrücke impiraperle oder impiresse. Meine Mama hat mir erzählt, dass es sogar ein Lied über die Frauen gibt, die diesen traditionellen Beruf ausüben.«

»Klingt bestimmt schön. Wohnst du hier in Venedig, Laura?«

»Ja, auf der Insel San Pietro im Stadtteil Castello. Im Sommer bin ich bei schönem Wetter mit meiner Freundin draußen vor dem Haus. Unsere Nachbarn sind auch da, manchmal ist es sehr lustig.«

»Ich weiß von meiner Mama, dass die Menschen sich hier gerne vor dem Haus aufhalten. So können sie gemeinsam die schönen Sommertage genießen und Zitronenlimonade trinken.«

»Mia, du weißt schon sehr viel über die Menschen hier in Venedig. Wenn ich draußen an dem Perlenschmuck arbeite, sitze ich auf einem Hocker und auf meinen Knien liegt ein Holztablett, einem sèssola. Es hat einen hohen Rand, damit die Perlen, die sich dort befinden, nicht herausfallen.«

»Wo seid ihr, wenn der Winter kommt? Auch draußen? Ist es nicht zu kalt?«

»Im Winter halten wir uns hier im Haus auf oder bei meiner Freundin Mirella. Wir naschen manchmal buranei, die traditionellen Kekse von der Insel Burano, die meine Oma backt. Sie sind so lecker. Dazu trinken wir Zitronen- oder Ingwertee. Möchtest du die Kekse probieren? Bei meiner Oma gibt es immer welche in einer Dose.«

»Meine Oma aus Karlsruhe backt auch leckere Kekse, wenn wir zu Besuch bei ihr sind. Da kann ich naschen, so viel ich will. Und zur Weihnachtszeit backen wir gemeinsam Plätzchen. Das ist bei uns Tradition. Und bei euch?«

»Wir backen auch Kekse und Kuchen zu Weihnachten.«

Laura führt uns in ein geräumiges Arbeitszimmer mit einem großen Fenster.

»Das ist mein Arbeitsbereich und durch diese Tür hier können wir in den Garten gehen«, fügt Laura hinzu und zeigt auf eine Glastür. »Jetzt zeige ich euch alle Werkzeuge, die eine Perlenauffädlerin braucht.«

»O ja«, sage ich begeistert und mein Herz hüpft vor Freude. Ich werde jetzt etwas Neues sehen und hoffentlich ausprobieren dürfen. So kann ich meiner Freundin Sofie, wenn ich zurück bin, zeigen, wie sich mit den Perlen schöne Schmuckstücke machen lassen. Auch anderen Mädchen aus unserer Klasse kann ich es zeigen.

»Schau mal Mia, damit ich die Perlen auffädeln und Schmuckstücke herstellen kann, benutze ich folgende Werkzeuge:

Palmeta: eine Art Fächer aus langen Nadeln zum Aufziehen der Perlen.

Fernagli: Verschlüsse für die Ketten

Sèssola: Holztablett mit hohen Rändern zur Aufnahme kleiner Perlen. Übrigens wird dasselbe Wort auch für eine Art große Schöpfkelle benutzt, mit der Wasser aus Booten geschöpft wird. Verschiedene Zangen und Schmuckpinzetten, Schere, ein Wandbrett mit Haken, an denen die Perlenstränge aufgehängt werden.«

Ich staune und berühre vorsichtig die Zangen und Laura redet weiter.

»Wir fädeln die Perlen gemeinsam auf mit meiner Freundin Mirella und Katrin, die in den Sommerferien zu Besuch kommt.

Sie wohnt in Sevilla und besucht jedes Jahr ihre Oma in Venedig. Wir machen Scherze, hören Musik. Mir gefällt es, die einzelnen Perlen auszusuchen und ihnen einen Namen zu geben, je nach Form, Farbe und Verzierungen. Und ich stelle mir gerne vor, wer dieses Schmuckstück tragen würde. Meine Freundinnen lachen oft und sagen, dass ich eine Träumerin bin.«

Als ich das höre, muss ich insgeheim lächeln. Denn ich träume manchmal auch gern in den Tag hinein und denke mir alle möglichen Geschichten aus, was meiner Mama nicht immer gefällt. Laura ist mir jetzt noch sympathischer.

»Es ist phantastisch, sich vorzustellen, dass die Perlen Namen haben«, sage ich und in meinem Kopf entstehen Bilder, wie im Kino. Ich sage das aber nicht und höre zu, was Laura noch zu erzählen hat.

»Den Beruf der Perlenauffädlerin lernte ich von meiner Tante Maria. Sie hat mir auch diese schöne Kette aus alten Perlen, die ich um den Hals trage, geschenkt. Es ist eine Familientradition, dass Frauen aus unserer Familie solche Perlenketten tragen. Sie werden weitergegeben.«

»Ich finde es schön, dass ihr solche Traditionen habt. Ich habe auch von meiner Oma eine Kette mit einem Engel zu meinem Geburtstag bekommen.«

»Braucht man noch etwas, um eine Perlenauffädlerin zu werden?«

»Was denkst du, Mia?« Laura schaut mir erwartungsvoll in die Augen und stemmt ihre Hände in die Hüften. So macht es auch manchmal meine Oma. Ich muss lachen. Laura bleibt in dieser Haltung und wartet auf meine Antwort.

»Also, du hast erzählt, du gibst deinen Perlen Namen. Es ist so wie in einem Märchenland, dafür brauchst du Ideen und Fantasie. Du trägst keine Brille, wie deine Freundin Mirella. Deine Augen sind sehr scharf. Um solche Schmuckstücke herzustellen, brauchst du viel Zeit und Geduld, weil die Perlen so klein und fein sind.«

Ich schaue in Richtung der Außentür, wo ich unsere beiden Mütter entdecke, meine Mama Vicki und Lauras Mutter Paola. Die beiden kommen rein und schauen uns lachend an.

»Manchmal hat Laura wenig Geduld, aber ihr macht es Spaß, mit ihren Freundinnen zusammen Perlen aufzufädeln«, verrät Paola.

Laura sagt etwas auf Italienisch, was ich nicht verstehe. Ihre Mutter lacht und geht mit meiner Mutter aus dem Zimmer.

»Zeigst du mir, Laura, wie du es machst?«, frage ich, um die Atmosphäre aufzulockern und Laura abzulenken.

»Schau, Mia, ich halte mehrere Nadeln wie eine Art Fächer in der rechten Hand, und indem ich mit der anderen Hand nachhelfe, gehe ich damit schnell in das Holztablett hinein, um die kleinen Perlen aufzufischen. Sobald die Nadeln voller Perlen sind, lasse ich diese an den Schnüren hinuntergleiten.«

Ich höre aufmerksam zu und der Wunsch, sie zu unterbrechen, wird größer und größer.

»Kann ich es ausprobieren, Laura?«, frage ich und kann es kaum erwarten, die schönen Perlen aufzufädeln.

Laura holt ein Holztablett, Perlen und alles, was ich brauche. Ich hole mir einen Hocker und wir setzen uns an den großen Tisch neben dem Fenster. Meine neue venezianische Freundin lässt mich ausprobieren und erzählt weiter.

»Ich habe einen Bruder, der mich oft in San Pietro abholt. Wenn ich fertige Ketten und Armbänder habe, nimmt er diese mit, um sie an die Geschäfte zu liefern. Manche Geschäftsleute haben in ihren Läden Arbeitsbereiche, wo sie verschiedene Glasfiguren herstellen und ich darf kurz zuschauen, wie sie es machen. Ein Ladeninhaber, Giuseppe, lässt es mich sogar ausprobieren. Er ist ein Freund der Familie. Im Winter hat er lustige kleine Weihnachtsmänner aus...