: Roberto Simanowski
: Peter Engelmann
: Das Virus und das Digitale
: Passagen Verlag
: 9783709250464
: Passagen Thema
: 1
: CHF 14.10
:
: Soziologie
: German
: 136
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Covid-19 ist die Hefe der Digitalisierung: Home-Office, Fernunterricht, Online-Shopping, Video-Streaming, Corona-App - wir erleben einen Sprung in die Zukunft, den es in Echtzeit zu begreifen gilt. Roberto Simanowski unternimmt diesen Versuch und entziffert verschiedene Phänomene des Corona-Alltags aus einer kultur- und medienwissenschaftlichen Perspektive: das Zoom-Meeting als Enthüllung des optisch Unbewussten, die Corona-App als Machtkampf zwischen Technologie und Gesellschaft, die Anti-Corona-Proteste und Verschwörungstheorien als Kollateralschäden des Internet. Das Fazit ist überraschend und bestürzend: So wie die Corona-Krise die Digitalisierung beschleunigt, so beschleunigt diese den Ausbruch der Infodemie, die auf eine viel bedrohlichere Krankheit verweist: Die Krise der Demokratie.

Roberto Simanowski, geboren 1963, ist Kultur- und Medienwissenschaftler und seit 2020 Distinguished Fellow of Global Literary Studies im Excellence-Cluster 'Temporal Communities' an der Freien Universität Berlin. Für sein Buch"Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz" wurde er 2020 mit dem Tractatus-Preis des Philosophicum Lech ausgezeichnet.

Shutdown


Wie war das damals, als Covid-19 uns überfiel? Wir waren im Krieg. So sahen es viele, die noch nie einen Krieg erlebt hatten, darunter Politiker, die nun mit militärischem Vokabular hantierten. Auf jeden Fall war es das Ende des normalen Lebens. Keine Verdunklung zwar am Abend, aber Zuhausebleiben. Keine Einsamkeit bei so vielen Medien zur Hand, aber doch eine Unterbrechung des Alltags, die bedrückend war.

So seltsam entrückt war die Welt noch nie. So leer die Straßen am hellerlichten Tage. Manche dachten da an Katastrophenfilme oder zumindest Edward Hooper, heitere Naturen eher an den Verhüllungskünstler Christo, während die Melancholiker Lyrik dachten, nicht GoethesOsterspaziergang, sondern T. S. EliotsWasteland: „April is the cruellest month“. Und jeden Tag sang man für jemand anderen „Happy Birthday to you“, zweimal hintereinander beim Händewaschen. Denn so lange, hieß es, braucht die Seife, um den unsichtbaren Feind zu erledigen. Es war ein Krieg, der ohne viel Lärm an vielen Fronten geführt wurde.

Das Virus hatte die Qualität von Flugzugabstürzen und Naturkatastrophen, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu einmal „Omnibus“-News genannt hatte: weil sie jeden Menschen gleichermaßen berühren, jenseits politischer Lager und weltanschaulicher Positionen. Omnibus-News schaffen ein geeintes Publikum. Sie sind die Wunschmeldung der Nachrichtenmedien, die so ihre Reichweite und Auflage immens erhöhen können – wenn sie früher als die Konkurrenz berichten oder dramatischere Bilder bieten. Eine Pandemie ist ein Omnibus-Ereignis, das dauert und alle betrifft. Es gibt, abgesehen vom Nord- und Südpolareis, faktisch kein Außen mehr. Covid-19 ist ein „enemy of humanity“, erklärte der Chef der WHO. Eine Erfahrung, die der Menschheit – trotz der nationalen Alleingänge, die es dann gab – lang nicht mehr vergönnt war.

Dass die Menschheit diese Erfahrung dennoch schnell wieder vergessen wird, legt der Blick in die Geschichtsbücher nahe: Die Spanische Grippe steht ganz und gar im Schatten des Ersten Weltkriegs, obgleich sie mindestens dreimal so viele Todesopfer forderte. Ein Ereignis, dem ein geheimer