PROLOG
London, Mai 1985
Rosamund Emerson betrachtete ihre Stiefmutter und die Geliebte ihres Vaters auf der anderen Seite des Raums und gelangte zu dem Schluss, dass er keine der beiden geliebt haben konnte – nicht nur, weil er ihnen das alles zumutete, sondern weil er darauf bestanden hatte, sie unter diesen Umständen zusammenzuführen. Der Gedanke hatte etwas Tröstliches.
Einen Moment lang wog es fast ihre Trauer um ihren Vater auf, sich am Anblick dieser beiden Frauen weiden zu können. Und an deren Unbehagen, weil sie gezwungen waren, sich in ein und demselben Raum aufhalten und wie zivilisierte Menschen benehmen zu müssen.
Die zwei Frauen saßen zu beiden Seiten des klobigen Marmorkamins in einem Sitzungsraum der Anwaltskanzlei im Lincoln’s Inn, stumm und stocksteif und ohne sich eines Blickes zu würdigen. Camilla rutschte gelegentlich auf ihrem Stuhl herum und blätterte in einer Zeitschrift, während Phaedria abwesend ins Kaminfeuer starrte.
Diese personifizierte Trauer, die sie zur Schau stellte, war die letzte der Rollen, in denen man sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte erleben dürfen – von der Kinderbraut zur betrogenen Ehefrau über den Umweg der öffentlichen Kultfigur. Dies hier war ihr erbärmlichster Auftritt, dachte Roz, aber sie zog ihn brillant durch wie alle ihre Rollen. Herr im Himmel, warum hatte ihr Vater das nicht durchschaut? Sie seufzte, da ihr eigener Kummer wieder hochstieg, schlimmer als zuvor. Der Schmerz ließ sie gereizt und ungeduldig werden. Was zum Teufel war hier los? Warum tat sich nichts? Warum bemühte sie sich um Pünktlichkeit, während die halbe Familie – na ja, ein gutes Drittel wenigstens – immer noch nicht eingetroffen war? Und wo war Henry Winterbourne? Er war so hoffnungslos langsam. Winterbourne& Winterbourne betreute die Familie seit 1847 in rechtlichen Angelegenheiten – seit der alte Sir Gerald Winterbourne seinem Freund Marcus Morell im Ausgleich für Spielschulden seine Dienste angeboten hatte –, und niemand schien sich daran zu stören, dass er sein Amt noch wie zu Regierungszeiten Queen Victorias versah, als wolle er den Zusammenhang zwischen Zeit und Geld nicht begreifen. Nun, Roz würde das nicht länger hinnehmen und sich einen eigenen Anwalt suchen, einen jungen, ehrgeizigen, der auch über technische Errungenschaften wie Computer und Faxgerät verfügte. Bei Henry war es schon eine Überraschung, wenn man ihn mal telefonieren sah.
Sie trat an das große georgianische Fenster und schaute auf den von der Sonne des späten Frühlings überfluteten Innenhof von Lincoln’s Inn hinab. Vielleicht würde das Treiben der Menschen sie ablenken. Aber es war alles belanglos: Gerichtsanwälte schritten in Roben und Perücken einher, die Papiere unterm Arm mit rosa Bändern zusammengehalten (ausgerechnet in Rosa, was für eine frivole, unangemessene Farbe). Anwälte in formellen Anzügen hetzten in demon