1.
Stein
1991
Ist es wirklich schon so spät,ma chère? Ich glaube, ich komme zu spät. Ehrlich, ich weiß einfach nicht, was ich anziehen soll! Nein, das liegt nicht am Wetter – New York im November ist immer schwierig. Dazu kommt, dass die aktuellen Winterkollektionen so kastenförmig und trist sind. Schau mich nicht so an! Ich weiß vielleicht, was man zu einem Dinner im Weißen Haus trägt oder zu einer Modenschau oder einer Vorstandssitzung, aber das alles ist nichts im Vergleich zu meinem Termin heute Abend.
Bitte bleib bei mir,ma chère! Deine Anwesenheit beruhigt mich, und schließlich geht dieses Treffen auch dich etwas an. Es könnte unser Leben verändern. Aber vorher muss ich noch ein paar Dinge klären. Lass die Papiere bitte da liegen! Das ist mein Testament, ich habe es noch mal durchgesehen. Ja, ich bin erst dreiundsechzig, und ich habe nicht vor, in den nächsten Jahren zu sterben, aber wie du weißt, bin ich gerne gut vorbereitet. Wie gesagt, der Termin ist wichtig.
Du kennst doch die Geschichte dieses Gebäudes, oder? Der einzige Raum, den wir bei der Neugestaltung nicht umfunktioniert haben, ist dieses Badezimmer. Ich kenne keinen Unternehmer, der nicht aufs Geld achten würde. Menschen, die sich ihren Wohlstand hart erarbeitet haben, sind von Natur aus nicht sonderlich verschwenderisch. Fragen des Stils spielen bei meinen Entscheidungen immer eine große Rolle, wie könnte es auch anders sein, aber auch ein gewisses Verständnis für Struktur, Material und Funktion. Beim Entwerfen von Mode, von Inneneinrichtung, ja letztlich auch von allem anderen, geht es in erster Linie ums Material. Die Kunst besteht darin, den Stoff beziehungsweise das Material zu verstehen, seine Stärken und Schwächen zu kennen. Erst durch das Zusammenspiel von Materialien, Farben, Strukturen entsteht eine gewisse Atmosphäre, wie in diesem Badezimmer.
Weißt du, was das hier ist? Marmor. Italienischer natürlich, nicht nur, weil ich aus Italien komme, sondern auch, weil indischer Marmor sehr grobporig und deshalb komplizierter zu pflegen ist, und das macht ihn im Badezimmer trotz seiner unübertroffenen Schönheit schrecklich unpraktisch. Gutes Design schafft Schönes aus Materialien, die der Funktion angemessen sind. Dieser Marmor ist wasserundurchlässig und wunderschön; siehst du diese Schichten in Rosa, Rot, Grau und Weiß, wie sie Wellen bilden, die beinahe lebendig wirken? Es hat lange gedauert, bis ich diesen extrem hellen Rosaton gefunden habe. Er heißt Arabescato Orobico Rosso. Ich weiß nicht mehr, wie viele Händler ich abgeklappert und wie viele Marmorplatten ich begutachtet habe, bis ich diese Sorte entdeckte. Beim Umbau später wollte ich nicht das Risiko eingehen, die Platten durch den Transport ins obere Stockwerk zu beschädigen, deshalb sind sie unten geblieben. Dieses Bad hier hat eine andere Atmosphäre als das große oben. Dort schwebte mir eher eine zurückhaltende Eleganz vor. Das Bad sollte zeigen, dass James Mitchell kein Neureicher ohne Geschmack ist, der nur protzen kann, sondern ein Mensch mit Klasse. Deshalb kam Carrara-Marmor nicht in Frage. So viel Weiß in einem Raum? Das wäre, als würde man Haute-Couture nur nach dem Label auswählen, nicht nach Design, Material und V