: Wladimir Kaminer
: Die Wellenreiter Geschichten aus dem neuen Deutschland
: Goldmann Verlag
: 9783641268244
: 1
: CHF 5.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das neue Buch des SPIEGEL-Bestsellerautors – mit Lesevergnügen-Garantie!
Deutschland steht kopf, und Wladimir Kaminer macht daraus Geschichten mit Humor und Hintersinn ...

Wladimir Kaminer hat Deutschland auf zahllosen Reisen bis in den letzten Winkel erkundet. Doch plötzlich erkennt er Land und Leute kaum wieder – der schön geordnete Alltag steht plötzlich kopf. Statt das Verrückte im normalen Leben zu entdecken, beobachtet er nun eine Normalität, in der alles verrückt ist: Weihnachten ohne Märkte, Kreuzfahrten ohne Landgang und Pfeile am Boden, die uns den Weg durch eine veränderte Welt weisen sollen. Da braucht man jemanden, der einen zwischendurch zum Lachen bringt. Mit Wladimir Kaminer als Reisebegleiter durch dieses neue Deutschland ist eine große Portion Humor garantiert …

Wladimir Kaminerwurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Kontaktpersonen der Kategorie II in ihrer natürlichen Nahfeldexposition


»Wer hat das geschrieben?«, rief meine Tochter aus dem Bad. »Eine künstliche Intelligenz? Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas Langweiliges und Ödes von einem Menschen aus Fleisch und Blut verfasst wurde, einem Menschen mit Herz und Seele! Und mit Bart!«

Nicole lasDas Kapital von Karl Marx in der Badewanne. Sie hatte es bei Dussmann im Sonderangebot gekauft, Ledereinband, kleine Schrift, 768 dünne Seiten, die permanent nass wurden. Das Buch war eigentlich für eine Kommunisten-Freundin als Geburtstagsgeschenk gedacht, aber dann hatte Nicole beschlossen, es erst einmal selbst zu lesen, obwohl sie bereits einen Stapel ungelesener dicker Bücher von ihren Freunden zu ihrem eigenen Geburtstag bekommen hatte: über die Herrschaft der alten weißen Männer, über die Zukunft, die weiblich war, und über Black Lives Matter. Lauter Diskurse, die junge Herzen heute höherschlagen ließen.

Fast alle aus dem Freundeskreis meiner Tochter hatten im September Geburtstag, als wären sie nicht von guten Eltern, sondern vom Weihnachtsmann. Nicole selbst sollte in diesem September 24 Jahre alt werden, aber die große Party war ausgefallen. Wegen Corona. Einige Freunde hatten Angst, andere mussten in Quarantäne. »Ich bleibe 23«, sagte Nicole, »wegen Corona fällt sowieso alles aus.« Sie hatte ihre Bachelor-Arbeit fertig geschrieben und sich für ein Masterstudium in Ethnologie immatrikuliert, doch den Master gab es dieses Jahr nur als Onlineangebot. Wer brauchte den Master in einem Onlinesemester? Also schimpfte sie über Karl Marx und ging in einer russischen Bar kellnern. Seit ein paar Wochen hatten sie dort einen neuen russischen Koch, der wie Karl Marx aussah, nur glatt rasiert.

»Du weißt doch, Papa, in jedem alten russischen Film gibt es diesen einen Typen, der die ganze Zeit schweigend am Tisch sitzt, melancholisch in die Ferne schaut und eine Zigarette nach der anderen raucht. Das ist unser neuer Koch!«, erzählte mir Nicole. Der alte war wegen Corona ausgefallen. Es war ja so viel ausgefallen. Die Menschen hatten entweder Angst oder Fieber, oder sie wurden vom Gesundheitsamt in eine zweiwöchige Quarantäne gesteckt, weil sie von jemandem, den sie gar nicht kannten, als Kontaktpersonen identifiziert worden waren.

»Sag nichts Schlechtes über Karl Marx!«, rief ich zurück. »Der ist in meinen Augen ein Prophet. Er hat vorausgesehen, dass der Kapitalismus eine Sackgasse ist und uns alle irgendwann zugrunde richtet. Er hat sogar Corona vorausgesehen, wie sonst wäre sein prachtvoller Schnurrbart zu erklären? Der Schnurrbart ist ein natürlicher Gesichtsschutz gegen Infektionen. Deine eigenen Viren bleiben darin stecken, und die fremden verlaufen sich darin. Deswegen haben die Polen so wenig Infizierte, weil so viele von ihnen Bart tragen.«

An der Ostsee waren im August in Heringsdorf alle Partys ausgefallen, während die Polen gleich um die Ecke völlig atemlos durch die Nacht feierten. Die deutsche Jugend lief also jeden Abend zum Tanzen über die Grenze nach Paprotno.

»Ein Bart schützt doch nicht vor Viren, er ist eher ein Virenfänger und -behälter!«, widersprach mir die Tochter. »Im Bart bleibt alles stecken. Die Polen haben wenig Inf