Kapitel 1
Meine Decke lag auf mir wie eine Wolke aus Daunen. Ich drückte ein drittes Mal auf die Schlummertaste des Weckers und zog die Bettdecke über meine nackte Schulter. Aus der Küche drang das Klappern von Geschirr in mein Zimmer. Typisch Cassidy. Sicher stand sie schon frisch geduscht und energiegeladen in der Küche und spülte ihr Frühstücksgeschirr ab. Nur wenige Momente später hörte ich ihre Schritte auf dem Flur und meine Zimmertür, die sich knarzend öffnete.
»Morgen, Emely. Lieblingstee?« Cassidy setzte sich auf die Bettkante und stellte eine dampfende Tasse, die den intensiven Duft von Waldbeeren verströmte, auf den Nachttisch. »Du kannst heute das Auto haben. Andrew holt mich ab und bringt mich auch nach der Schicht wieder heim.«
Verschlafen blickte ich in die moosgrünen Augen meiner großen Schwester, die mit einem perfekt geschwungenen Lidstrich betont waren. Ich rutschte näher an sie heran und setzte mich auf. Sie hatte sicher ihren Tag schon komplett durchgeplant und die ersten Haken auf ihrer To-do-Liste gesetzt. Sogar heute, an einem Tag, der nicht wie alle anderen Tage war.
»Gut geschlafen?«, schob sie nach und checkte mit einem Seitenblick die Uhrzeit auf meinem Wecker.
Ich setzte mich auf, griff nach der Tasse und legte behutsam meine Finger um das warme Porzellan.
»Ja«, sagte ich knapp und lächelte, obwohl alles in mirNEIN schrie.
»Womit habe ich das verdient?«, fragte ich und pustete in die dampfende Teetasse.
»Weil nach einer Tasse Tee die Welt schon wieder ganz anders aussieht.« Cas musterte mich, ihre Augen hatten binnen Sekunden das Strahlen verloren.
»Ganz besonders heute«, fügte sie hinzu, und ich sah ihr an, wie die Trauer sich ihren Weg bahnte.
Dads erster Todestag fiel auf einen ganz normalen Wochentag, was nichts von alldem erträglicher machte. Hastig nahm ich einen Schluck Tee und rang mir ein Lächeln ab.
»Danke«, flüsterte ich, den Blick auf die Tasse gerichtet. Ich fand keine Worte, aber das musste ich auch nicht. Ich schaute Cas in die Augen und für diesen Moment war alles gesagt. Mir wurde wieder bewusst, wie froh ich war, sie zu haben.
»Cas«, begann ich leise und sah sie unsicher an. »Ich schaff das nicht … mit dem College heute.«
»Du weißt, dass das nicht geht«, entgegnete Cas mir mit einem leichten Kopfschütteln.
Ich will nicht ins College. Ich will den Tag hier verbringen. Oder irgendwo anders, Hauptsache mit dir, wollte ich ihr antworten, stattdessen nahm ich nur einen weiteren Schluck Tee und schwieg.
Cas wandte sich kurz von mir ab, wie immer, wenn ihre Gefühle sie überrollten. Gefühle zu zeigen war nicht ihr Ding. Leider.
»Em, ich weiß, wie schwer das ist«, begann sie und zupfte am Saum ihres Pullovers herum, vermied es aber, mich direkt anzusehen. »Dad fehlt mir auch, und ich denke jeden Tag an ihn, aber wir haben das letzte Jahr geschafft, wir werden die nächsten auch noch schaffen, nicht wahr?« Sie strich sich eine Strähne ihrer dunkelblonden Haare hinters Ohr und atmete tief durch, bevor sie mir wieder in die Augen sah.
Du sprichst von Jahren, und ich zweifle daran, ob ich es schaffe, nur diesen einen Tag zu überstehen.
»Aber wir sehen uns später imBasil. Nach deinen Vorlesungen. Okay?« Cas legte eine Hand auf meinen Arm. Ihre Berührung war sanft.
»Hmm«, brummte ich nur und stellte mich darauf ein, den Tag am College zu verbringen, den Tag zu überstehen. Irgendwie.
Anstatt dem Seminar über frühe englische Literatur zu folgen, widmete ich meine ungeteilte Aufmerksamkeit lie