Prolog
Mein achtzehnter Geburtstag
Fliege in die Freiheit.
Ich fahre den Worten nach, die dort in schwarzer Tinte zu lesen sind, in Schönschrift von ihr verfasst. Die Farbe setzt sich stark vom Blassrosa des Briefpapiers ab. Das war so ihre Art. Das machte sie ständig. Briefe schreiben. Vornehmlich an meine Schwester Evie und an mich – über Jahre hinweg, immer wenn das Fernweh sie gepackt hatte und sie auf Reisen war. Manchmal war es auch nur eine Postkarte aus einem der weit entfernten Orte, an denen sie war, zuweilen auch eine gekritzelte Nachricht auf der Serviette einer Bar zusammen mit einem Ticketfetzen von einem Konzert, das sie auf einem ihrer Abenteuer besucht hatte.
Einmal schickte sie uns diese wunderschönen, mit Glitzersteinen besetzten Ketten aus Deutschland. Sie waren aus mundgeblasenem Glas und handbemalt. Jedes Mal, wenn der Postbote ins Reservat kam, in dem wir bei unserem Großvater lebten, betete ich darum, dass er eine Nachricht oder ein Paket von Mom bringen würde.
Seitdem ich reden oder ihre Erzählungen bewusst verstehen konnte, hing ich an ihren Lippen und sog die fantastischen Geschichten förmlich in mich auf, die sie bei ihrer Rückkehr zum Besten gab. Ihre Berichte führten uns um den ganzen Globus, von Istanbul über Island bis hin zum Burning Man Festival in der Wüste Nevadas. Damals schenkte sie uns diese winzigen Fingerzimbeln, wie Bauchtänzerinnen sie benutzen. Danach meldete sie uns zum ersten Mal für Bauchtanzkurse an. Auch heute noch lieben Evie und ich es, gemeinsam zu tanzen.
Es gehörte zu unserem Leben, dass unsere Mutter, Catori Ross, sich vom Wind treiben ließ.
Ich betete meine Mutter an und beneidete sie um das Leben, das sie führte. Das tue ich immer noch, doch nun hat sie uns verlassen, um sich auf ihre letzte Reise zu begeben. Ihr allerletztes Abenteuer, wie sie es gern nannte. Außerdem versprach sie Evie und mir, dass es sie auf ewig glücklich machen würde.
»Sorgt euch niemals um mich, meine hübschen Mädchen«, flüsterte sie. In der einen ausgestreckten Hand hielt sie die meine, in der anderen Evies. Ihr Körper war eingesunken, sie war nur noch Haut und Knochen. Das Bett, in dem sie lag, hatte sie jetzt schon seit Monaten nicht mehr verlassen. Sie lächelte und richtete den Blick erst auf Evie, dann auf mich. »An jedem Ort, den ich besucht habe, fand ich nichts als Schönheit.« Dann drückte sie unsere Hände, schloss die Augen, atmete tief aus – und war nicht mehr bei uns.
Das waren ihre letzten Worte. Es mag erstaunlich sein, aber ich glaubte ihr. Der Tod würde Moms letzte Station sein, ob sie es wollte oder nicht. Und doch wusste ich tief in mir drin, dass sie überall Schönheit finden würde, egal, wohin ihre Seele flog. So war sie eben.
Was mich mit unserer Trauer versöhnte, war die Tatsache, dass Mom wirklich gelebt hatte. Sie war nie richtig sesshaft geworden. Sie war immer mit einem Fuß schon wieder zur Tür hinaus, ständig offen für neue Erfahrungen. Mit jedem Atemzug atmete sie Freiheit, Mut und Liebe aus. Fernweh strömte aus jeder einzelnen Pore. Nichts konnte sie zurückhalten. Weder ihr Ehemann mit seinen militärischen Ambitionen noch ihre beiden Töchter. Unter dieser Tatsache leidet Evie ganz besonders.
Ich selbst hingegen, ich habe Mom verstanden, denn ich bin ihr sehr ähnlich. Wie sie w