1. KAPITEL
Zwei Tage später
Schon wieder vermisste Grace ihre Schwester. Von allen Menschen auf der Welt wollte sie am liebsten Bella vom heutigen Bewerbungsgespräch erzählen. Doch die flitterte mit Hugh in San Francisco, und selbst ohne die acht Stunden Zeitunterschied wollte Grace sie nicht während ihrer Hochzeitsreise stören. Sie würde Bellas tägliche SMS abwarten und in ihrer Antwort beiläufig erwähnen, das Bewerbungsgespräch sei gut gelaufen. Ende dieser Woche konnte sie hoffentlich mit einer guten Nachricht aufwarten.
Bitte lass mich den Zuschlag für diesen Job kriegen!
Zeitarbeit war in Ordnung, aber am besten gefiel es Grace, wenn es in ihrem Leben eine feste Struktur gab und sie länger als nur ein paar Tage vorausplanen konnte. Seit sie vor zwei Monaten ihre Hochzeit abgeblasen hatte, war ihr ganzes Leben anders. Nicht nur ihre Beziehung war zu Ende – als Konsequenz hatte sie auch ihren Job und ihr Zuhause verloren.
Bella kam prima mit Veränderungen klar. Sie machte das Beste aus jedem Tag und packte Chancen beim Schopf. Grace hingegen war vorsichtig, wog Pro und Kontra ab und entschied sich stets für die vernünftigste Option. Obwohl es richtig gewesen war, die Hochzeit abzusagen, hatte ihr die Entscheidung enormen Liebeskummer und Schuldgefühle beschert. Bella stand zu ihr, genau wie ihre Eltern, doch Grace hasste das Chaos, das über sie hereingebrochen war.
Wenigstens hatte sie jetzt wieder eine Wohnung, denn Bella war wie immer ein bisschen schusselig gewesen und hatte ihrem Vermieter nicht fristgerecht gekündigt. Glücklicherweise akzeptierte er Grace als Nachmieterin. Sie wartete bloß noch auf den Papierkram.
Jetzt schloss sie die Tür des Appartementhauses auf – und sah entsetzt, dass in der Diele gut zwei Zentimeter Wasser standen. Wasser, das unter ihrer Wohnungstür hervorquoll.
Keine Panik, sagte sie sich. Benutz deinen gesunden Menschenverstand und stell den Haupthahn ab, damit kein weiteres Wasser aus dem Leck läuft, wo auch immer es sein mag. Schalte vorsichtshalber auch den Strom ab. Lass das Wasser laufen, bis die Leitungen leer sind. Dann suchst du das Leck und rufst den Vermieter an, damit er einen Klempner beauftragt.
Etwas ruhiger, weil sie nun einen Plan hatte, schloss Grace ihr Appartement auf. Überall stand Wasser. Der Teppich war durchnässt, und das Sofa veränderte allmählich seine Farbe, weil das Wasser in den Stoff zog. Sie atmete tief durch, schlüpfte aus den Schuhen und deponierte sie samt Handtasche und Aktenkoffer auf dem Küchentisch.
Der Haupthahn. Wo mochte er sein? Grace zog den Schrank unter der Spüle auf und entdeckte ein kleines Rad an der Wasserleitung. Erleichtert drehte sie es zu. Wenig später fand sie auch den Schalter, um den Strom abzustellen. Als sie ins Bad ging, musste sie sich nicht lange fragen, wo das Problem lag: Wasser spritzte aus einem Loch im Rohr unter dem Waschbecken.
Grace schnappte die Plastikschüssel aus der Küchenspüle und stellte sie unter das Waschbecken. Dann drehte sie die Hähne im Bad auf, damit die Leitungen leerlaufen konnten.
Jetzt der Anruf beim Vermieter. Sie hoffte inständig, dass er noch diesen Abend einen Klempner vorbeischicken konnte. Doch selbst wenn der Schaden repariert war, musste sie heute Nacht woanders schlafen, denn in diesem Zustand war das Appartement unbewohnbar. Außerdem musste sie all ihre Sachen irgendwo unterstellen.
Ein Teil von ihr wollte vor lauter Frust in Tränen ausbrechen, aber die lösten kein einziges Problem. Grace durfte sich nicht gehen lassen. Wenn sie getan hatte, was zu tun war, konnte sie immer noch weinen. Nicht vorher. Ausgeschlossen.
Am Kühlschrank hing ein Zettel mit einer Telefonnummer und den WortenBei Problemen anrufen in Bellas Handschrift. Das musste die Nummer des Vermieters sein. Ausnahmsweise war ihre kleine Schwester vorausschauend gewesen, obwohl sie die letzten drei Wochen bis über beide Ohren in Hochzeitsvorbereitungen gesteckt hatte. Dankbar holte Grace ihr Handy aus der Tasche und wählte.
Roland kannte die Nummer auf seinem Display nicht, deshalb ließ er es klingeln. Jemand aus einem Callcenter würde auflegen, sobald der Anrufbeantworter ansprang. Jeder andere konnte eine Nachricht hinterlassen, und Roland würde zurückrufen, sobald er Zeit hatte.
Er hörte ein Seufzen auf dem Anrufbeantworter. „Hallo. Hier spricht Grace Faraday.“
Bellas Schwester? Roland zog die Stirn kraus. Warum in aller Welt wollte die ihn sprechen?
„Bitte rufen Sie mich zurück. Es ist dringend.“ Langsam und deutlich nannte sie ihre Telefonnummer. „Wenn ich in der nächsten halben Stunde nichts von Ihnen höre, rufe ich selbst den Klempner-Notdienst und gehe davon aus, dass Sie die Rechnung übernehmen.“
Weshalb brauchte sie einen Klempner-Notdienst? Und wie kam sie darauf,er würde dafür zahlen?
Er nahm den Hörer, um Gra