Eins
Menschen haben schon immer Opiate genommen.[27] Während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte waren sie eine der wenigen verfügbaren Arzneien, die Babys mit Koliken, Sterbenden und allen anderen dazwischen gegeben wurden. Missbrauch war in früheren Jahrhunderten möglicherweise verbreiteter als heute, und das Problem verschärfte sich besonders mit dem amerikanischen Bürgerkrieg, als man verwundeten Soldaten Morphium gegen ihre Schmerzen gab – ihrer Abhängigkeit von dem Opiat gab man die Bezeichnung Soldatenkrankheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in den USA Opium im Sears-Katalog bestellen, und die Abhängigkeit davon war so verbreitet, dass Präsident Theodor Roosevelt 1908 schließlich einen Opiumbeauftragten ernannte. Während der industriellen Revolution erreichte das Problem auch Großbritannien, und das Land versuchte, sein Handelsdefizit auszugleichen, indem es die Britische Ostindien-Kompanie benutzte, um enorme Mengen Opium nach China einzuschleusen, was zu zwei Kriegen führte.
Doch noch nie hat ein Opiat – oder irgendeine andere Droge – jährlich so viele Menschen umgebracht wie Fentanyl. Was wir aktuell erleben, ist die nächste Phase der Opioidkrise. Sie setzte mit einer übermäßigen Verschreibung opioidhaltiger Schmerzmittel ein, angeheizt durch einen 1980 im »New England Journal of Medicine« veröffentlichten Beitrag. Deren Verfasser waren der Arzt Hershel Jick und seine Doktorandin Jane Porter. Sie hatten Tausende von Fällen untersucht, in denen Krankenhauspatienten Narkotika erhalten hatten. Nur vier davon seien süchtig geworden, hatten sie herausgefunden, und nur ein Fall davon sei wirklich problematisch. »Wir schließen daraus, dass es trotz der weitverbreiteten Verwendung von Narkotika in Krankenhäusern bei Patienten, die keine entsprechende Vorgeschichte haben, nur selten zur Entwicklung einer Abhängigkeit kommt.«
Der Satz war einer von lediglich fünf, aus denen der kurze Beitrag von Jick und Porter bestand, und weit entfernt davon, Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben: Die von ihnen untersuchten Patienten hatten nur geringe Dosen unter strenger Beaufsichtigung ihrer Ärzte erhalten. Trotzdem hatten die wenigen Zeilen großen Einfluss, wurden von anderen Forschern in über 600 Studien zitiert, und Ärzte und Pharmaunternehmen nutzten sie bedenkenlos, um für entsprechende Produkte zu werben.
In den 1990er-Jahren kam es zu einem größeren Paradigmenwechsel in der Medizin in den USA: Patienten sollten »humaner« behandelt werden. Traditionell orientierten sich Ärzte bei der Behandlung auf die vier »Lebenszeichen« Körpertemperatur, Atmung, Blutdruck und Puls. Mitte der 1990er-Jahre führte die American Pain Spociety ein, dass als fünftes Lebenszeichen auch Schmerz zu beachten sei. »Es war nicht nur in Ordnung, sondern es war unsere heilige Pflicht, die Welt vom Schmerz zu befreien, indem wir den Menschen klarmachen, dass Opiate sicher sind«, so beschrieb der Bostoner Schmerzspezialist Dr. Nathaniel Katz gegenüber dem Journalisten Sam Quinones bei einem Interview für sein Buch »Dreamland: The True Tale Of America’s Opiate Epidemic« die gängige Meinung. »All die Gerüchte über Abhängigkeit waren unbegründet … Der Leiter meines Forschungsprojekts sagte sogar zu mir: ›Wenn du Schmerzen hast, kannst du gar nicht abhängig von Opiaten werden, denn der Schmerz frisst die Euphorie auf.‹«[28]
Die Familie Sackler, Eigentümerin des Unternehmens, das Oxycontin herstellt, verdiente dadurch ein Milliardenvermögen. Lange vor der Entwicklung des Medikaments war Arthur Sackler, von Haus aus Mediziner, ein Pionier auf dem Gebiet der Werbung für pharmazeutische Produkte. 1952 kauften Arthur und seine Brüder Raymond und Mortimer die spätere Firma Purdue Pharma. In einem Interessenkonflikt zwischen Werbung und Pharmazeutika hin- und hergerissen, brachte Purdue 1996 Oxycontin auf den Markt