Erstmals in Hamburg
Eine Bushaltestelle war das Erste, was ich in meinem Leben von Hamburg sah. Als meine Eltern einen Umzug von Berlin nach Hamburg erwogen, nahmen sie mich eines Tages mit nach Norddeutschland. Wir wohnten in einem kleinen Hotel. Als ich morgens noch in der Dunkelheit aufstand und zum Fenster heraus sah, konnte ich auf eine Bushaltestelle blicken. Es regnete stark und die Leute stiegen mit Schirm, nassen Trenchcoats und hochgehalten Kragen in den Bus. Es war die perfekte Szenerie für einen Werbespot mit dem eindrucksvoll für die Notwendigkeit von Hustensaft oder Grippemitteln hätte geworben werden können.
Dass auch Schüler dabei waren, erinnerte mich an mein Schule schwänzen. Später hatte ich dann gelernt, dass die beobachtete Szene sich in Trittau und nicht in Hamburg abspielte. Heute wundere ich mich in Ehrfurcht vor der Speicherleistung eines menschlichen Gehirns noch genau an die Szene. Das banale Bild von in den Bus einsteigenden Fahrgästen über Jahrzehnte speichern zu können, schien sinnlos. Das Wunder ist nicht allein im Alter der Bilder, die uns begleiten zu sehen, sondern auch in der unzähligen Menge der gespeicherten Bilder. Gesammelt im Alltag und auf Reisen, verknüpft mit Geräuschen, Gerüchen und Gefühlen. Kombinationen, die bis heute kein Smartphone speichert. Denke ich an die Berliner U-Bahn, kann ich sie riechen. Erinnere ich mich an Wanderungen in Cornwall, spüre ich den Regen in meinem Gesicht. Fahre ich in Gedanken eine Skipiste bergab, spüre ich den Kantengriff meiner Skier.
Erst wer sich einmal die Zeit genommen hat, eine Blume auf einer Wiese ohne Zeitdruck zu betrachten, kann nachvollziehen, was anzuerkennen mir als einziges Zeit meines bisherigen Lebens nie schwerfiel. Die Bewunderung für die Leistungen der Natur stumpfte nie ab, wie etwa das Interesse an zeitweise sehr beliebten Beschäftigungen.
Die Bushaltestelle an meinem Wohnort war eine der letzten in Hamburg, die noch nicht zu einer Werbestätte geworden war. Hier gab es noch die beschmierten Scheiben und die Eternitplatten, die die Scheiben ersetzen mussten, die jugendlichem Drang nicht standgehalten hatten. Ja, hier war die Welt noch in Ordnung. Wie viel Zeit ich wohl schon an Bushaltestellen verbracht hatte? Jedes Mal wurde ich zur Ruhe gebracht. In dieser Wartesituation lag die Chance, meine Umgebung zu erkunden. Vorbeifahrende Autos, das Verhalten anderer Wartender und deren Aussehen boten Abwechslung und jede Beobachtung für sich hatte sicher ihre Geschichte. „Wohin fährt sie jetzt mit dem Auto?“, „Warum sitzen darin drei Erwachsene?“, „Welches Buch liest er gerade neben mir?“, „Mit wem telefoniert sie geradezu ausgelassen fröhlich am Morgen?“, „Fahren die Drei gemeinsam an einen Arbeitsplatz?“, „In dem Anzug muss er ja heute etwas Besonderes vorhaben“. Im Warten lag immer auch eine Chance auf etwas zu stoßen, das wir im vorüber hetzen nie gesehen und erlebt hätten.
Als ich in den 60er-Jahren mit meinen Eltern in ein Neubaugebiet nach Hamburg zog, war meine Einstiegsstelle für die Fahrt zur Schule oder nach Hamburg die erste Haltestelle, also der Beginn der Buslinie. Die Linie 9 hielt in Sichtweite und fuhr dann in die gleiche Richtung, in die ich zur Haltestelle ging. Die dort mit dem Bus ausgetragenen Wettrennen sind heute nur noch Erinnerung und das gelassene Verpassen einer Busabfahrt ist heute der nicht mehr zu leugnende Beweis für mein Altern.
Manchmal erinnere ich mich an Busfahrten, die wie aus einem anderen Leben vor mir auftauchten. Mir fallen die Stunden ein, die ich auf Nachtbusse wartete, wenn ich von meiner Freundin kam. Oder ich erinnere mich an morgendliche Busfahrten nach Mölln, mit denen ich meinen Arbeitstag als Holzstapler in der Parkettfabrik Höhns begann. Gespeichert ist in diesem Zusammenhang die morgens im Dunkeln gefahrene Strecke auf der B207, die von den Ausdünstungen der Fahrgäste von innen beschlagenen Scheiben, die an jeder Haltestelle in den Bus drängenden Schü