Teil 1: Kaltes Fleisch
„Hey, Ace“, rief Jimmy Mitchell über den Hof der Stuyvesant Highschool.
Ein kräftig gebauter junger Mann drehte sich zu seinem Mitschüler um. Kevin Baker runzelte die Stirn. Er hatte nie viel für Jimmy übrig gehabt, der Kerl war einer jener abgemagerten Streber, die es in jedem Jahrgang gab und die bei keinem Mädchen landen konnten. Außerdem redete er zu viel, wann immer man ihm begegnete. Doch besonders berüchtigt waren seine zahlreichen Späße auf Kosten anderer Mitschüler. Das Vertauschen der Beschriftung auf den Zucker- und Salzstreuern in der Kantine gehörte noch zu seinen harmlosesten Streichen. Seit einiger Zeit hatte er es auf Kevin abgesehen.
„Was willst du, Mitchell?“
„Nur ein kurzes Gespräch führen, sonst nichts. Stell dir einfach vor, ich wäre von der Times. Bist du noch der Quarterback, bist du noch unser Superstar?“
„Für Spinner wie dich habe ich keine Zeit. Also verpiss dich.“
„Na dann habe ich ja Glück, dass du mir nicht davonlaufen kannst. Wie geht’s deinem Knie?“
Kevin fühlte Wut in sich aufsteigen. Erst vor drei Tagen war er aus dem Krankenhaus entlassen worden und jede Bewegung seines linken Beins sandte einen stechenden Schmerz durch sein Kniegelenk.
„Football hat seinen Preis, nicht wahr?“ Grinsend zeigte Jimmy auf die Krücken, mit denen Kevin sich stützen musste. „Aber ich habe gehört, die Behindertenliga sucht immer noch Spieler. Vielleicht kauft dir Coach Higgins ja einen Rollstuhl.“
Einige Mitschüler kicherten, das große Tuscheln begann. Längst hatte sich ein Kreis von Schaulustigen um Kevin und Jimmy zusammengefunden. Jetzt war es wichtig die Beherrschung zu bewahren. Kevin holte tief Luft, bemühte sich, seinen verletzten Stolz zu ignorieren. Er wollte nur so schnell wie möglich den heutigen Tag hinter sich bringen und sich zu Hause auf der Couch ausruhen. Niemals hatte er sich vorstellen können, wie anstrengend und schmerzhaft jede Bewegung sein würde. Doch er befürchtete, Jimmy würde ihn nicht so schnell in Ruhe lassen.
„Suchst du echt Ärger, Mitchell?“
„Ob ich Ärger suche, Baker? Kommt ganz drauf an. Immerhin hast du unsere Schule um die Meisterschaft gebracht. Die Tigers haben dich und deine Warriors mit 32 zu 20 geschlagen. Und einige von uns haben ein paar Mäuse dabei verloren.“
Jimmys Augen leuchteten, als er in die Runde seiner Mitschüler sah. Der Clown der Jahrgangsstufe war ganz in seinem Element und hatte noch mehr Lacher auf seiner Seite. Was man ihm jedenfalls nicht vorwerfen konnte, war ein Mangel an Selbstbewusstsein. In diesem Moment war er zum größten Comedian im ganzen Bundesstaat mutiert. Und Kevin kochte innerlich vor Wut.
„Verpiss dich endlich, du kleiner Scheißkerl!“ brüllte er. Seine Stimme klang weit weniger bedrohlich als angestrebt. „Hörst du, Mitchell, du kannst nichts und du bist nichts.“
„Ich bin ein Mathematikgenie und ich weiß auch, was du bist. Du bist ein Versager.“
Augenblicklich ließ Kevin bei