Kapitel 1 – Ein entwaffnender Kuss
LONDON, ENGLAND
Juli 1835
Eingehüllt in einen schwarzen Kapuzenmantel, schlich Miles kurz nach Mitternacht durch London. Meistens sah er kaum die Hand vor Augen, denn dicke Wolken schoben sich immer wieder vor den Vollmond. Sehr gut. Dann konnte er hervorragend mit der Dunkelheit verschmelzen.
Normalerweise bevorzugte Miles bei seinen Streifzügen die Stadtteile, in denen sich die Fabriken befanden und die Armut am schlimmsten war, wie zum Beispiel Whitechapel. In dem berüchtigten Viertel trieben sich die meisten Verbrecher herum. Heute musste er jedoch nicht über ungepflasterte Straßen mit ihren nach Unrat stinkenden Pfützen wandern, denn er lief durch Covent Garden. Dieser Bezirk befand sich nicht ganz so weit weg von dem noblen Stadtteil Marylebone, in dem er wohnte. Doch die Armut machte auch hier nicht Halt.
Er huschte vorbei an den leeren Marktkörben, unter denen Kinder – Jungen wie Mädchen – zwischen Huren und Straßenhunden schliefen. Einige umklammerten eine Flasche Gin, mit dem sie versuchten, Hunger und Schmerzen zu betäuben.
Miles dankte Gott jeden Tag dafür, dass ihm dieses Schicksal erspart geblieben war. Hier draußen zu überleben, war die Hölle.
Auf leisen Sohlen eilte er zu den Lagerhäusern an der Themse. Er kam gerade aus dem Brooks’s in der St. James’s Street – einem der vielen Clubs, in denen er sich tagsüber gerne die Zeit vertrieb. Deshalb war er heute ausnahmsweise einmal nicht maskiert, sondern lediglich das Cape verhüllte seine wahre Identität. Miles schnappte bei einer Partie Whist oder Hazard oft jede Menge Gerüchte auf, die ihm bei seinen Vorhaben halfen. Aber nicht nur aus diesem Grund suchte er diese Etablissements auf, sondern auch, um dort das Verhalten der Männer zu beobachten, vor allem, ob sie heimlich jemanden anstarrten … auf ganz besondere Weise. Womöglich konnte er dadurch herausfinden, ob derjenige vielleicht dieselbe Neigung besaß wie er. Ob er sich trauen würde, einen Mann darauf anzusprechen, wusste er nicht. Es war einfach zu gefährlich.
Beim Kartenspiel vorhin hatte er zufällig Gespräche vom Nachbartisch belauscht – einer der Herren war mit einem Commissioner der Metropolitan Police befreundet, die, genau wie Miles, nach den Body Snatchern suchten. Es wurde vermutet, dass die Verbrecher ihre gefesselten und geknebelten Opfer zuerst in leerstehende Lagerhäuser an der Themse schafften, um sie von dort aus mit Booten oder Kutschen an ihre Zielorte zu bringen. Zumindest waren vier Kinderleichen, versteckt in zugenagelten Fässern, in zwei Lagerhäusern gefunden worden.
Miles erhoffte sich, endlich einen oder am besten alle dieser widerlichen Banditen stellen zu können. Für gewöhnlich verschnürte er danach die Täter und gab der Polizei anschließend einen anonymen Tipp, wo sie ein besonderes Präsent abholen konnte. Doch heute wollte er erst einmal spionieren. Außer seinen zwei langen Klingen hatte er keine weiteren Waffen dabei. Diese verbarg er im Schaft seiner Stiefel, allerdings kamen sie nur selten zum Einsatz, denn er war ein Meister des Faustkampfes. Hoffentlich konnte er seine beiden »Kraftrammen«, wie sein Freund Hastings seine Fäuste nannte, heute einsetzen, denn es zerriss ihn innerlich beinahe vor Sehnsucht nach etwas, das er nie haben durfte. Dabei fehlte ihm doch eigentlich nichts … fast nichts.
Tagsüber war er Miles Dunmoore, der Marquess of Rochford, und ein ganz gewöhnlicher Adliger. Nachts befreite er als der maskierte »dunkle Rächer« – wie ihn mittlerweile halb London nannte – die Straßen der Stadt vom gröbsten Abschaum. Er brauchte dieses geheime Doppelleben, ansonsten würde er wohl durchdrehen. Zwar lenkte ihn auch das Boxen von seiner abnormalen Natur ab, doch seit Hastings wieder geheiratet hatte und zum zweiten Mal Vater geworden war, fanden ihre geheimen Treffen im Herrenclub und die damit verbundenen sportlichen Betätigungen kaum noch statt.
Niemand wusste von seinen nächtlichen Aktivitäten, nicht einmal Hastings. Der hatte allerdings auch keine Ahnung, dass sich Miles zu Männern hingezogen fühlte. Es wäre vielleicht das Aus für ihre jahrelange Freundschaft, wenn Hastings davon erführe!
Miles murmelte einen Fluch, weil er sich so gerne jemandem anver