Die erste Nacht
Zu spät! Wieder einmal zu spät.
Tardy schwebte in Höchstgeschwindigkeit durch die nächtlichen Straßen. Seine grauen Jogginghosen und das weite Sweatshirt flatterten im Wind. Als er den gewaltigen Gebäudekomplex des Tower of London vor sich auftauchen sah, verklang der letzte Glockenschlag der umliegenden Kirchen. Die Geisterstunde hatte begonnen und er würde es nicht mehr rechtzeitig in die Kellergewölbe schaffen. Rasant durchquerte er den Burggraben und visierte ungebremst die massive Außenmauer an. Zu seiner Rechten schimmerte das Wasser der Themse im fahlen Mondlicht. Zur Linken blitzte das künstliche Eis der vorübergehend errichteten Schlittschuhbahn. Lautlos passierte Tardy die uralten Steine und näherte sich seinem Ziel. Endlich in den Kellerverliesen unterhalb des Towers angekommen, schnaufte er aus dem letzten Loch. Natürlich war er sich im Klaren darüber, keinen allzu ästhetischen Anblick zu bieten.
Verflixt und zugegeistert!
Warum nur hatte er verschlafen?
Im Gewölbe angekommen, richteten sich zwölf Augenpaare auf Tardy, der eiligst das farblose Sweatshirt glattstrich und sich unbeholfen aufrichtete, um seine pummelige kleine, Gestalt imposanter wirken zu lassen.
Die Geister der Weihnacht schwebten an der Stirnseite des Raumes und blickten ihn fragend an. Neun andere, die einen Halbkreis bildeten, musterten Tardy neugierig, belustigt oder kritisch. Ein leises Kichern ertönte, ebenso ein abfälliges Schnauben.
Er verzog das bleiche Gesicht zu einem unsicheren Lächeln. „‘Tschuldigung, bin etwas spät …“
„Was du nicht sagst, junger Mann.“ Der Bass des bärtigen Alt-Geistes ließ Tardy zusammenzucken. Er passte hervorragend zur imposanten Statur des Sprechers, wodurch sich der Junge noch kleiner vorkam, als er ohnehin war. Allerdings wirkte der Riese keineswegs beängstigend, sondern eher freundlich. Er trug ein weites, bodenlanges grünes Gewand, unter dem seine bloßen Füße hervorlugten. Tardys Blick wanderte von den Zehen über das rostzerfressene Schwert, das der Geist um die Taille gegürtet hatte, weiter zur nackten Brust, die zwischen grünem Stoff und weißem Pelzbesatz zu sehen war. Zuletzt betrachtete der Neuankömmling das von dunkelbraunen Locken und Bart umrahmte, freundliche Gesicht sowie die ungewöhnliche Kopfbedeckung: einen Stechpalmenkranz, der mit glitzernden Eiszapfen besetzt war. In der Hand trug der Riese eine brennende Fackel in Form eines Füllhorns. Mit amüsierter Stimme fuhr er fort: „Hättest du die Güte, dich einzureihen, damit wir beginnen können?“
Tardy erwachte aus seinen Tagträumen. „Verzeihung.“ Schnell huschte er an den Rand des Halbkreises. Neben ihm ertönte erneut ein Kichern, das einem Schlaks mit wirrem, rötlichem Haar und komplett grüner Kleidung entschlüpfte. Er überragte den gemütlichen Tardy um mindestens drei Fuß, unabhängig davon, wie sehr sich dieser auch in die Höhe reckte. „Cooler Auftritt“, murmelte der Rotschopf und verneigte sich, wobei er in Ermangelung eines Hutes kurz den Kopf vom Hals hob.
Rechts neben dem Riesen erblickte Tardy eine stattliche, schwarzgekleidete Gestalt, deren Gewand den Kopf, das Gesicht und den Körper verbarg. Seine Dunkelheit strahlte auf die Umgebung ab und schien sogar das flackernde Lic