Ein solch aufmerksamer Beobachter war der Polizeioberkommissar Jasper Willebrands. Er hatte ein gutes Gedächtnis und sich den Namen Anatol Mehring von früheren Amtshandlungen her gemerkt. Er wusste: Das war kein boshafter, verwahrloster Sonderling. Das war kein heruntergekommener Perverser, der betrunkenen Schlampen das Blut ableckte. Anatol Mehring war hochintelligent, hatte studiert – wenn auch nicht bis zum Abschluss – und stammte aus einer Familie, die an Reichtum, Ansehen und Einfluss kaum zu überbieten war. Einer seiner Onkel war ein Bischof, ein anderer Universitätsprofessor, in der Familie gab es viele hohe Geistliche, Künstler und Gelehrte. Stützen der Gesellschaft, wie man so sagte. Fragte sich nur, welcher Gesellschaft.
Es gab so viele merkwürdige Gerüchte über die Mehrings. Gerüchte, die aufflackerten und wie Irrlichter auch schon wieder verschwunden waren, wenn man sie zu ergreifen versuchte. Auf jeden, der sich an sie hängte wie eine Wespe an den Honigtopf, kamen zwei, die nicht an sie anstreifen wollten. Aber fragte man diese Leute, warum, so wollten oder konnten sie keine Antwort geben.
Willebrands blickte hoch, als sachte an die Tür gepocht wurde und der Bürodiener den Kopf hereinsteckte. „Detektivinspektor Volkert ist da und möchte Bericht erstatten, Herr Oberkommissar.“
„Schicken Sie ihn herein.“
Ludwig Volkert trat ein, wobei er eine Wasserspur hinter sich ließ, als habe man ihn soeben aus der Regentonne gezogen. „Es regnet“, äußerte er zur Erklärung. „Vormittags war es noch klar und sonnig, und jetzt schüttet es wie aus Eimern.“
„Dann ziehen Sie Ihren nassen Mantel draußen im Vorzimmer aus und nicht hier! Verschwinden Sie – nein, jetzt bleiben Sie schon da! Hängen Sie das Ding neben dem Ofen auf.“
Volkert nahm seinen nass glänzenden, steifen Hut ab, schälte sich bedächtig aus seinem mit Regenwasser vollgesogenen, braunen Mantel und hängte ihn an den Garderobenhaken, wo er sofort anfing, zu triefen und eine Pfütze auf dem Parkettboden zu bilden.
Der Detektivinspektor war ein Mann von der Art, die man zehnmal sehen konnte, ohne sich ein einziges Mal an sie zu erinnern. Ein mittelgroßer und recht kräftiger Mittvierziger, mit einem langen Pferdegesicht, und sandfarbenem Haar, das so glatt gekämmt und penibel gescheitelt war, dass es häufig für ein Toupet gehalten wurde. Nichts an ihm war bemerkenswert. Wo er auch ging und stand, schien er mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Für seinen Beruf war das natürlich sehr vorteilhaft, denn ein so unscheinbarer Mann galt zwangsläufig auch als ungefährlich, und die Leute nahmen sich nicht in Acht, was sie in seiner Hörweite redeten. Zu ihrem eigenen Schaden, denn Ludwig Volkert hatte eine geradezu unheimliche Fähigkeit, sich Gespräche und Gesichter zu merken. Unter den schweren, häufig halb geschlossenen Lidern verbargen sich