21. Juni, nachts
Wie unsympathisch ihr der Gedanke an die Reise nach Neu-England war, merkte die junge Pfarrersfrau Kathy Belham an den Träumen, die sie in der Nacht vor dem Aufbruch quälten. Sie waren verworren, lächerlich und bedrückend zugleich. In einer der kurzen Szenen, die ihr nach dem Erwachen mitten in der Nacht einfielen, ging sie an einem dunklen Strand entlang und beobachtete, wie sich eine Welle unter Wasser neben ihr her bewegte, als schwimme etwas Buckliges unter der Oberfläche. Sie versuchte davonzulaufen, aber mit jedem Schritt versanken ihre Füße tiefer im hemmenden Sand, während das unterseeische Ding bedrohlich näher und näher an die Wasserlinie heranpaddelte. In einem anderen Nachtmahr spürte sie kalte, hornige Finger ihren Rücken berühren und fuhr herum, aber da war nichts, nur eine Ranke der giftigen Fliegenwinde lag auf dem Boden. Schleim troff aus ihrem fahlweißen, trichterförmigen Kelch. Dann wieder überquerte sie in der Abenddämmerung eine Wiese, die gespenstisch vom Schein eines großen Feuers erhellt war. Eine Gruppe Männer stand daneben und warf Teile des überall herumliegenden Gerümpels in die Flammen. Manchmal krallten sich die Feuerzungen in Unverdaulichem fest, dann knatterte es wie Feuerwerk, und rotglühende Funken sprühten nach allen Richtungen auseinander. Manchmal fanden sie Süßes und Schmackhaftes, dann sprang die Flamme hoch und lodernd auf und drehte sich wie ein Wirbelwind. Kathy blickte in die Gesichter der Umstehenden, die im Feuerschein starr und glänzend und bronzefarben waren, und einen Moment leuchtete es wie eine Vision vor ihr auf: Gleich würde jemand einen metallenen Gong schlagen und schrille Musik aus gekrümmten Pfeifen erschallen, und rund um das lodernde Feuer würden in steifem Tanzschritt Gestalten in schwarzen perlenbesetzten Roben springen und Tänze zu Ehren abscheulicher Götter beginnen.
Einer dieser Träume jedoch war klar und deutlich das Wiederaufleben einer Erinnerung, die sie lange in sich vergraben hatte und die nun wieder ihr hässliches Haupt erhob.
Ihr Traum wiederholte ein schreckliches Erlebnis, das sie als kleines Mädchen gehabt hatte und über das sie nie mit jemand gesprochen hatte. Damals hatte Onkel Adrian eine kurze Zeit lang im Bostoner Haus ihrer Eltern gewohnt. Eines Abends, als ein heftiger Sturm durch die Straßenschluchten der Stadt fegte, war sie in den Korridor vor seinem Zimmer hinaufgestiegen, um die Fenster zu schließen. Sie war überrascht gewesen, den Schriftsteller dort vorzufinden, wie er vor dem runden Fenster an der Schmalseite des Korridors stand – reglos wie eine Schaufensterpuppe, den Blick auf die Stadt gerichtet, über der die von Blitzen erhellte Wolken dahinrasten. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und plötzlich hatte sie eine eisige Beklemmung bei dem Gedanken empfunden, dass er ihre Schritte gehört hatte, dass er sich jeden Augenblick umdrehen und sie ansehen könne. Und dann war es tatsächlich geschehen! Ohne ein Glied zu rühren, wandte er sich, als stünde er auf einer sich drehenden Platte, und sein Blick senkte sich in den ihren. Trotz des Halbdunkels im unbeleuchteten Korridor hatte sie ihn deutlich gesehen, denn ein sonderbar violettes Licht umgab ihn. Nein, es schien von ihm auszuströmen wie der Glanz eines dämonischen Glühwürmchens!
Sie hatte wie versteinert dagestanden, den Blick in atemlosem Entsetzen auf sein Gesicht gerichtet. Es hatte sich in eine teuflische Fratze verwandelt!
Ein sympathischer Mann war Adrian Petri nie gewesen, aber selbst seine Feinde – von denen er nicht wenige hatte – mussten zugeben, dass er ein attraktiver Mann war. Eine kraftvolle, robuste Erschein