Freitag, 24. Mai
6.30 Uhr
Sie spürte, wie sich die Härchen auf ihren nackten Oberarmen aufstellten. Die Musik trieb wohlig-warme Schauer über ihren Rücken und überzog ihre Gliedmaßen mit einer Gänsehaut.
Kerstin Meinhard war bestimmt der einzige Mensch auf der Welt, der die Lieder aus dem MusicalElisabeth beim Joggen hörte. Ideal war der Rhythmus der Songs für diesen Zweck nicht, aber das Lauftempo ließ sich durchaus anpassen, wenn man sich etwas Mühe gab. Und Kerstin gab sich Mühe, denn sie wollte diese Musik hören, immer und überall.
Der Maiwind streichelte ihre Haut – und die Klänge ihre Seele. Sie sog die klare Luft des Morgens tief in die Lungen. Nur jetzt, zu dieser Zeit, da der Frühling allmählich in den Sommer überging, verströmte der Wald diesen unverwechselbar würzigen Duft – und das auch nur ganz früh am Tag.
Unglaublich, dachte sie, während sie mit federnden Schritten den Weg entlanglief, unglaublich – ich bin hier. Ich bin wirklich hier, auf den Spuren der Kaiserin! Genau wie der Elisabeth-Waldweg, den sie gestern genommen hatte, stand auch die heutige Jogging-Strecke ganz im Zeichen der Erinnerung an das Kaiserpaar. Der Weg führte von Bad Ischl am Kaiser-Jagdstandbild vorbei nach Lauffen. Bestimmt war einst die echte Sisi hier gelegentlich entlanggeritten.Sisi – so musste es nämlich richtig heißen, nichtSissi, wie die meisten Leute sagten. Darauf legte Kerstin als begeisterter Fan der Kaiserin großen Wert.
Die Musik, unzählige Male gehört und doch immer noch von magischer Wirkung, ließ die Läuferin wie auf Wolken schweben. Leise, soweit es die Bewegung erlaubte, summte sie das Lied der jungen Kaiserin Elisabeth mit.Ich gehör nur mir … Im letzten Drittel des Liedes schraubte sich die Melodie stetig nach oben. Schließlich war eine derartige Höhe erreicht, dass Kerstin, völlig außer Atem, passen musste.
Lachend blieb sie stehen, um ein paar Dehnübungen zu machen. Sie atmete tief aus, nahm eine weite Schrittstellung ein, beugte das rechte Bein, das vorne stand, so weit es ging, streckte das linke durch und achtete darauf, dass die Ferse fest am Boden blieb, während sie mit dem Rumpf federnde Bewegungen nach vorne vollführte.
Unvermutet kam ihr ein Auto in flottem Tempo entgegen. Erschrocken sprang sie ein Stück zur Seite. Nicht nur, dass die Dreckschleuder die Waldluft verpestete, noch dazu wirbelte sie eine ordentliche Staubwolke hoch. Kerstin warf einen wütenden Blick auf das Fahrzeug und starrte ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. Sie schüttelte sich wie ein nasser Hund. Dann lief sie weiter.
Der iPod hatte zu einer neuen Nummer ausElisabeth gewechselt. Ohne stehen zu bleiben, drückte Kerstin zweimal aufZurück. In dem angewählten StückDer letzte Tanz ging es um die erste Begegnung der jungen Sisi mit einem, der ab da ihr ständiger Begleiter sein würde – dem Tod. Der harte Rhythmus der Nummer passte hervorragend zu Kerstins leicht verärgerter Stimmung. Sie holte sich neue Energie aus dem rockigen Beat des Songs. Erstaunlich – sie musste das Lauftempo gar nicht ändern.
Kerstin mochte das Lied, und vor allem mochte sie den Interpreten, einen jungen Ungarn. Wie er mit seiner Stimme die Spannung zwischen Bedrohung und Erotik hielt, war einfach fantastisch. Sie besaß einen DVD-Mitschnitt der Inszenierung, aus der diese Aufnahmen stammten, und hatte ihn schon mehrmals angesehen. Wenn der Tod so aussah wie der Kerl, der ihn spielte, wäre sie genau wie Elisabeth versucht, sich von ihm verführen zu lassen! Sie sah ihn vor sich: blond, gut gebaut, mit blitzenden blauen Augen, die seine Partnerin unter seinen Willen zwingen konnten – und die zugleich eine unendliche Zärtlichkeit verströmten. Sie seufzte genüsslich. Die gute Laune war zurück.
Rechts vor ihr tauchte dasKaiser-Jagdstandbild auf. Kerstin verlangsamte das Tempo, ging vom Laufen zum Gehen über und schaute nach oben zu dem in Bronze gegossenen Kaiser Franz Joseph auf seinem Felsen. Bekleidet mit Lederhose, Jägerjoppe und Jägerhut, stand er da, auf einen langen Stab gestützt; sein Blick war auf einen erlegten Hirsch am Fuß des Felsens gerichtet.
Kerstins Blick folgte dem des Kaisers. Vor dem Denkmal lag ein Mann – ein zweiter Franz Joseph! Ruckartig blieb sie stehen. Sie schlug die Hand vor den Mund. Der Mann trug zwar keine Jägerkleidung, sondern einen schwarzen Trainingsanzug, aber der Haarkranz um die Halbglatze war weiß, genau wie der des Kaisers auf so vielen Bildern. Sein Gesicht zierte der unverwechselbare Franz-Joseph-Backenbart.
Kerstin näherte sich vorsichtig. Die wilden Schläge ihres Herzens konnte sie bis in den Hals spüren. Das Kaiser-Ebenbild lag auf der rechten Körpe