: Bert Becker
: ¡Bon Camino, Vidal! Pilgerreise der Wohnungslosenhilfe Rhein-Sieg nach Santiago de Compostela - 3. Auflage
: Books on Demand
: 9783753409740
: 1
: CHF 6.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 252
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Auf das Heilige Compostelanische Jahr 2010 fiel auch das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2010. Die Wohnungslosenhilfe des SKM-Rhein-Sieg unternahm eine Pilgerreise mit Betroffenen nach Santiago de Compostela. In 8 Tagen ging eine Gruppe aus 7 Betroffenen und 2 KollegeInnen die letzten 170 km von O Cebreiro nach Santiago de Compostela auf dem Camino Frances. Dies als Aktion zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, besonders, da Pilgern sehr viele Parallelen mit dem Wohnungslos-Sein hat: Von Herberge zu Herberge ziehen und um Aufnahme bitten. Die Betroffenen erlebten hier, dass der Zustand der Durchreise ein gemeinsames Ziel haben kann. Aber wir wollten damit auch auf die besondere Lage armer Menschen hinweisen. Es gibt z.B. rund vier Millionen Obdachlose in der Europäischen Union, davon leben rund 250.000 in der Bundesrepublik. Eine offizielle Statistik gibt es allerdings nicht. Rechnet man die Menschen hinzu, die in spezifischen Hilfeeinrichtungen eine vorübergehende Bleibe gefunden haben, kann von einer Million Menschen die Rede sein. Die Wohnungslosenhilfe des SKM-Rhein-Sieg erreicht ca. 600-700 Menschen pro Jahr. Und es ist zu befürchten, dass es wegen der schlechten kommunalen Finanzlage in den nächsten Jahren zunehmend schwieriger wird, die notwendigen Standards auszubauen!

Bert Becker, geboren 1961, Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialarbeiter und Heilpraktiker (Psychotherapie), lebt mit seiner Familie in Köln. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. (mit Blick auf´s Thema: u.a. 1 Sohn und 1 Enkelsohn). Er studierte Katholische Theologie und Erziehungswissenschaften in Bonn sowie Sozialarbeit in Köln. Seit 1989 arbeitet er als Sozialarbeiter in Hilfeeinrichtungen für Wohnungslose bei verschiedenen Trägern und Kommunen. 1999 übernahm er die Leitung der Wohnungslosenhilfe im Rhein-Sieg-Kreis beim katholischen Träger SKM. Hier soll nun ab 2019 eine Beratungsstelle für Jungen und Männer aufgebaut werden.

1) Geburt einer Pilgerreise
» Eine Sturzgeburt «

Ich lernte Vidal im Sommer 2004 kennen, damals war er 42 Jahre alt. Er lebte mit einem seiner Söhne in einer kleinen Wohnung in Troisdorf. Mit einem Kollegen der Stadt Troisdorf suchte ich ihn zum ersten Mal auf. So traf ich hier einen Spanier im Rollstuhl an, mit maurischen Zügen und langen schwarzen Krussel-Haaren, die zu einem Zopf zusammengebunden waren, einem sympatisch verwaschenen spanischen Akzent und ca. 2500,-- € Mietrückständen – kurz vor der Räumungsklage...

Vidal war im Jahr 1999 in seiner Heimatstadt Zamora als Zuschauer eines Stierkampfes verletzt worden. Er hatte in der 3. Reihe der Arena gesessen und der Stier ist wutschnaubend über die Brüstung gesprungen. 3 Zuschauer wurden schwer verletzt. Seitdem war Vidal querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.

In Deutschland hatte er als Mitglied der spanischen Armee das Konsulat in Düsseldorf bewacht und hier eine Deutsche geheiratet, von der er mittlerweile geschieden ist.

Er hat 2 Söhne – für die Damenwelt sei es gesagt: sehr hübsche Spanier – und eine Tochter.

Nun, in der Folgezeit sorgten wir dafür, dass Vidal mit seinem Ältesten in seiner Wohnung bleiben durfte, dass er seinen Rentenantrag durchzog, seine Sozialhilfeschulden zurückzahlte und ihm aus Spanien eine Abfindung zugesprochen wurde. Durch diese wäre er schlagartig 180.000,-- € reicher, wenn sich die Gemeinde Zamora und der Bauherr der Arena nicht als chronisch zahlungsunfähig herausgestellt hätten. Da läuft nicht viel für ihn.

Ja, und dann bin ich sein Finanzminister: Er setzt so viel Vertrauen in mich, dass er sein Geld über unsere Einrichtung verwalten lässt. Er geht wohl davon aus, dass er nicht gut mit Geld umgehen kann.

Dann ist es ihm lieber, wenn er dies einem anderen überlässt. Ich kann das nachvollziehen, aber weiß auch, dass es eigentlich daran liegt, dass er ein guter Vater sein will. Meist verzichtet er darauf, seinen Sohn – denn der eine lebt ganz bei ihm - zu verpflichten, sich an der Mietzahlung zu beteiligen. So lebt er mit seinem Pflegegeld und seiner Rente unter dem sogenannten Satz des Lebensnotwendigen. Aber da ist er unverbesserlich.

Was