: Karin Karz
: Mama, Roman hat es nicht geschafft - Die Zeit meines eigenen Überlebens nach dem Suizid meines Sohnes
: Verlag DeBehr
: 9783957538475
: 2
: CHF 4.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 190
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Mama, Roman hat es nicht geschafft.' Diese Worte - überbracht von meiner traumatisierten Tochter - sollten mein Leben mit einem Schlag zum Stillstand bringen und für immer verändern. In der einsamen Verwirrung einer Psychose hatte mein Sohn wohl nur diesen einen Ausweg gesehen und seinem Dasein auf grausame Weise ein Ende gesetzt. Die Welt drehte sich weiter, als wäre nichts geschehen. Ich selbst jedoch, erstarrt in meinen Grundfesten, drohte mich im Strudel des Unfassbaren zu verlieren. Ein Kind auf diese Art hergeben zu müssen, das Unaussprechliche zu verarbeiten - auf all dies kann eine Mutter niemals vorbereitet sein. Die Zeit nach dem Suizid meines Sohnes lastet schwer auf unser aller Leben. Und stets stand und steht die Frage nach dem WARUM im Raum, WARUM mein Kind? WARUM gerade Roman mit seinem feinsinnigen, liebenswerten Charakter? Die Autorin beleuchtet tagebuchmäßig die ersten drei Jahre Trauer und Verzweiflung ebenso wie den Umgang von Gesellschaft und Familie mit dem Verlust des Sohnes, Bruders und Enkels. Dieses Buch kann ein Helfer für Betroffene in den dunkelsten Stunden des Lebens sein.

 

Es ist ein wunderschöner Tag im Juni. Die Sonne scheint und ich trage das erste Mal im Jahr kurze Hosen.

Ich stehe nach einem erholsamen Mittagsschlaf auf der Leiter im Kirschbaum.

Die Luft ist erfüllt von Kinderlachen und Frühlingsduft.

Keine negativen Schwingungen oder Panikattacken.

Mir geht es gut.

 

Mein Sohn hat mehrere Stunden gelitten. Er hat versucht, sich die Halsschlagadern mit einem stumpfen Küchenmesser aufzuschneiden. Er ist wie ein verletztes Tier noch lange Zeit in seiner Wohnung herumgelaufen. Alles war voller Blut.

 

Ich habe im Kirschbaum gestanden. Ich habe den Kindern ganze Äste mit herrlichen, reifen Kirschen zugeworfen.

Früh hat Roman Anna, seine kleine Schwester, angerufen. Sie hat es nicht gehört. Sie hat geschlafen.

Er hat sich lange nicht gemeldet, deshalb meinte ich später zu ihr: „Geh doch einfach mal hin.“ Anna war erkältet und hatte nicht die richtige Lust dazu. Zu der Zeit hat er oft Verabredungen nicht eingehalten. Sie fragt ihn per SMS warum sie kommen soll.

Roman simst zurück; sie solle einfach kommen, schnell. Er hat um Hilfe gerufen.

Vor dem Zug um dreizehn Uhr habe ich sie erneut gedrängt hinzufahren.

Ich war so froh, dass er sich wieder einmal gemeldet hat. Mich wollte er ja nicht sehen.

Sie hat den Zug genommen und war dann gegen 13.30 Uhr vor seiner Wohnung. Er muss sie wahrgenommen haben. Anna hat Geräusche aus der Wohnung gehört.

Eine Stunde hat sie es rufend und klopfend vor der Wohnung ausgehalten. Verzweifelt wendet sie sich per SMS an ihre beste Freundin. Die hat zu tun und schaltet ihr Handy aus. Anna ist 15 und weiß nicht, was sie machen soll. Sie wird immer kopfloser. Ich sage ihr, dass sie da weggehen soll. Was soll sie machen, wenn er nicht aufmachen will.

Anna hat große Angst um ihren Bruder.

Eine ganze Stunde. Warum hat er nicht aufgemacht? Wollte er uns schützen? Hätte es sonst ein Blutbad gegeben?

Roman hat seine Schwester durch den Türspion gesehen. Überall an der Innentür waren Spuren von seinen Händen. Er hat stark geblutet. An den Verletzungen am Hals wäre er nicht gestorben. Vielleicht Stunden später.

Er hat sich nirgends hingesetzt. Wie ein verwundetes Tier ist er hin- und hergelaufen. Ist Anna zu spät gekommen, für sein Verständnis von Geliebtwerden? Was hat er noch überlegt?

Roman schreibt für Anna auf einen kleinen Zettel: „Sei mir nicht böse. Ich hab dich sehr lieb.“ Livia findet ihn später beim Saubermachen. Der Zettel ist voller Blut. Sie wirft ihn weg.

Roman sucht die Urkunden von seinen Marathonläufen heraus. Viele waren voller Blutspritzer.

Wollte er verbluten, wollte er gar nicht springen?

Mit einem stumpfen Gemüsemesser hat er versucht, seine Halsschlagadern zu zertrennen. Er hatte doch so Angst vor Schmerzen.

Ich rufe Livia, meine große Tochter, an, sie möge Anna von da wegholen. Gegen 14.35 Uhr geht Anna zur Straßenbahnhaltestelle. Da sie voller Panik wegen Roman ist, laufen beide schnellen Schrittes über die Kreuzung zu Romans Haus zurück. Anna hat ein ungutes Gefühl. Sie hat ihn deutlich in der Wohnung gehört.

Er hat sie über die Kreuzung kommen sehen. Die Blutspuren an der Jalousie zeigen das. Wen hat er gesehen? Mic