Der Kuli
Er hieß so etwas wie ein Räuspern, ein Niesen und ein Spucken, und war Rickschawkuli, Droschkenpferd in Singapur.
Die Personenbeförderung geschieht in dieser Stadt wie überall im Osten durch Rickschaws, leichte, zweirädrige Wagen, zwischen deren Deichselstangen ein Chinese läuft. Es soll über zehntausend solcher Beförderungsmittel in Singapur geben. Der Rickschawkuli steht auf einer tiefen Stufe, nicht viel höher als ein Huftier, dessen Amt er übernommen hat; viele von ihnen haben kaum sprechen gelernt, sondern behelfen sich in ihrem Beruf mit leichtfaßlichen Gebärden, kennen den Unterschied zwischen rechts und links, wenigstens wenn man mit einem Stock nachhilft; sie lassen sich durch Zurufe in Gang setzen und anhalten und haben im übrigen keine Verwendung für Geistesgaben. Und doch sagt man, daß die meisten der steinreichen chinesischen Kaufleute in Singapur ursprünglich als stumme Zugtiere begonnen haben.
Der Weg ist so: man mietet einen Rickschaw, nachdem man durch den ungeheuren Bevölkerungsdruck daheim in China aus dem Lande herausgedrängt wurde, mit einer Djunke nach Süden ausgewandert und in Singapur an Land gegangen ist. Und wenn man einige Monate mit dem Fahrzeug gelaufenist, erwirbt man es und läuft weiter, bis man ein zweites erwerben kann, das man einem anderen Anfänger vermietet, und so immer weiter, bis man schließlich Fuhrwerksbesitzer ist, Kapitalist, Wucherer, Besitzer eines Spielhauses und einer Opiumkneipe, Schiffsreeder und Millionär, worauf man entweder wie ein frommer Sohn des Himmels nach China, dem Land der Gräber, zurückkehrt, oder ein Abtrünniger bleibt, der mit amerikanischen Stiefeln an den Füßen und mit einem runden, englischen Filzhut auf dem bezopften Haupt in einer Equipage mit australischem Vollblutgespann fährt, und sich vorsichtig an der Schnur auf der Rennbahn vorbeidrückt,außerhalb derselben, während die weißgekleideten, kaltblütigen Engländer sich auf dem Rasen ergehen und kaum zu wissen scheinen, daß der gelbe Millionenfürst verliebt und haßerfüllt zu ihnen hineinstarrt und nie verzeiht, nie vergißt, daß diese Weißen, auf die er tief herabsieht, ihn niemals als ihresgleichen betrachten wollen ... das ist der Weg.
Hoang Tchin Fo hatte ihn auch einst vor sich gesehen, ja, vor zwanzig Singapursommern, was so viel wie eine Ewigkeit bedeutet. Aber es war beim Weg geblieben, nichts anderes als der Weg, bis Hoang Tchin Fo sich selbst und sein Ziel vergessen hatte, bis er das älteste Geschöpf der Welt,und laufend ein altes Skelett geworden war, das kleine Schritte machte, aber doch lief, wie eine steifbeinige Mähre, die über den Boden jammert. Ach, er hatte getrabt, ja, er hatte gelaufen, gelaufen, gelaufen, tausend Jahre lang, bis seine nackten Füße dieselbe Färbung bekommen hatten wie der ockergelbe Staub auf den Wegen in Singapur, und er trabte noch immer und hatte es nicht einmal soweit gebracht, den zerlumpten Rickschaw selbst zu besitzen, in dem er die Fremdenteufel mit den steinharten, blauen Augen zog, bald vom »ofis« zu »shaw-shaw«, was Essen und also Hotel bedeutet, bald durch die Malay Street und bald nach Bukit Tima, einen Weg von sechs Stunden unter der Tropensonne in 33 Grad feuchter Wärme, bis er wie aus dem Wasser gezogen war und das Lendentuch von Schweiß triefte, bald nach den Wasserwerken und bald nach dem Botanischen Garten, Trablauf,kanan undkiri ... und außerdem mußte er noch bei jeder zweiten Tour Ströme von künstlichen Tränen vergießen, u