: Johannes Vilhelm Jensen
: Mythen und Jagden
: Books on Demand
: 9783753424057
: 1
: CHF 0.90
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 218
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Mythen und Jagden" ist ein 1907 erschienenes Werk des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet"Myter og Jagter". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus"Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

Der Kondignog


Ich bin einmal auf allen Vieren gegangen, und dessen erinnere ich mich bisweilen, wenn auch unklar in solchen Augenblicken, wo das Gefühl für die Zeit mich aus Müdigkeit oder Überanstrengung im Stich läßt. In meiner Jugend hatte der Tag oder das Jahr nicht denselben Wert für mich wie für Leute im allgemeinen; ich befand mich immer über oder unter, oder im Umkreis der gegenwärtigen Zeit. Nur einmal bin ich auf ganz unerklärliche Weise außerhalb der Zeit geraten, und zwar fühlte ich mich so durchgreifend isoliert, daß ich, ohne eigentlich Kummer darüber zu empfinden, mich auf die Vorderglieder legen und abseits gehen mußte, ins Freie hinaus, um Gras zu fressen, oder unter einen Busch, um zu sterben. Noch jetzt empfinde ich zuweilen den eigenartigen Kälteschauer, das innere, unendliche Gefühl der Verlassenheit, das mich wie ein Gift schüttelte, die seelische Übelkeit, die mich ganz kraftlos machte, bevor der Anfall kam. Noch heute rieselt es mir manchmal über den Rücken, wie es mir damals in meine Borsten kroch, ich fühle eine Art Erinnerung in meiner Haut an das beginnende und kalte Gefühl, an den tödlichen Anfall von »Gänsehaut«, womit es anfing, und dann weiß ich, daß es die Zeit war, die mich verließ, daß die namenlose Einsamkeit mir eine andre Haut gab und mich aus dem Dasein hinausführte, während ich gleichzeitig mitten drin blieb.

Wenn einst der bittre, unvermeidliche Schauderzurückkehrt, der letzte Kälteschauer in der Seele, bei dem man stirbt, dann werde ich meinen Zustand von damals wiedererkennen.

Es war in Madrid, mitten am Tage und im Sonnenschein auf dem Prado, als ich auf einer Bank saß und plötzlich verwandelt wurde, ohne daß ich oder irgend eine Macht der Welt es verhindern konnte. Ich war übrigens in einer ziemlich jämmerlichen Verfassung, hatte seit fünf Tagen nichts gegessen und mochte wohl für ein Krankenhaus reif sein. Mir aber schien es nicht, als ob mir etwas fehle, ich hatte alle meine Kräfte beisammen, und es behagte mir, hier so schweigend zu sitzen und die Leute im Sonnenschein an mir vorüberziehen zu lassen, Leute, die eine Sprache redeten, von der ich nur den Laut auffing. Ein Kennzeichen, daß ich nicht im Gleichgewicht war, bestand darin, daß der Tag mir ungewöhnlich wertvoll erschien, obgleich es nur ein ganz gewöhnlicher, sonniger Maitag war, mit Wärme am Morgen und zunehmender Hitze. Der Himmel war wolkenlos, aber weißlich unter der Herrschaft der Sonne, die Bäume auf dem Prado blähten sich in all ihrer neuentfalteten grünen Laubpracht wie Wesen, die um einander werben. Von den kreideweißen Häusern drüben auf der andern Seite des Alameda kam ein stechender Geruch von Kohlensäure, den die Sonnenhitze aus den Mauern lockte, und man konnte gleichzeitig einen leisen Hauch spüren, eine Kelleratmosphäre von den Steinen drüben, die noch Kälte in sich bargen und sie nun um sich verbreiteten. Ein Mann gingmit einem Kühler auf dem Rücken an den Bänken vorbei und bot Wasser feil,agua, sagte er und sah mich verständig, menschlich an –agua como la nieve, und ich weiß nicht, weshalb ich ihn wegen seines Blickes lieb gewann, weshalb ich mich so plötzlich und heftig zu dem einfachen Mann mit dem Wasserkübel hingezogen fühlte, daß ich hätte schreien und weinen können. Ach, und ich war so arm, daß ich nicht einmal ein Glas Wasser von ihm kaufen konnte. Während ich so dasaß, wurde ich immer mehr von stiller Liebe zu allem erfüllt, was ich sah, aber g