: Johannes Vilhelm Jensen
: Der Gletscher
: Books on Demand
: 9783753422985
: 1
: CHF 0.90
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 248
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Der Gletscher" ist ein 1908 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet"Bræen". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus"Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

Dreng


Im Urwald brannte ein Feuer, das einzige auf Meilen im Umkreis. Es war an einem offenen Platz unter einer schräg überhängenden Felswand angezündet, die den Wind abhielt. Oben ging schwer der Sturm durch den Wald, die Nacht war dunkel, nicht Mond, nicht Stern. Es regnete. Aber das Feuer unter dem Felsen stieg ruhig, in klaren Flammen, von einem Haufen Reisig in die Luft. Der Schein bildete gleichsam eine Höhle in der tiefen Nacht.

Rund um das Feuer lag eine Gruppe von Menschen und schlief. Alle so nah der Helle, als sie nur konnten. Sie waren nackt. Es waren bloß Männer. Jeder schlief mit seiner Keule in der Hand oder so dicht neben sich, daß er sie im Schlaf erreichen konnte. Geflochtene Körbe mit allerhand Vorräten, Früchten und Wurzeln lagen im Gras um das Feuer herum, dessen runder Lichtkreis die Gruppe in dem wilden Wald umschloß. Ein paar Schritte außerhalb des Felsens, wo der Regen fiel und das Dunkel lauerte, schimmerten bleich die Reste eines geschlachteten zebraähnlichen Tiers, eines Feueropfers …

Bloß einer von der Gruppe war wach. Er saß beim Holzstoß, ohne sich zu regen; aber seine Augen standen keinen Augenblick still. Es war ein großer, schwergliedriger Bursch von ungewöhnlich starkem Wuchs, wenn auch noch nicht reif. Neben sich hatteer einen mächtig großen Haufen von Zweigen und Reisig, von dem er ab und zu etwas nahm, um es aufs Feuer zu legen. Wenn dies auch nur so weit sank, daß die Äußersten der Gruppe außerhalb der Lichthöhlenwand zu liegen kamen, wurden sie sofort unruhig im Schlaf. Aber es geschah nicht oft. Der Bursch hatte eine ganz eigene Übung darin, die Flamme immer gleichmäßig zu erhalten. Er wußte, wieviel Holz er hatte und wie lang die Nacht war. Ohne daß sich seine Gedanken damit zu beschäftigen brauchten, versorgte er das Feuer und saß im übrigen, einsam, ruhig, alle Sinne auf das wilde Dunkel des Waldes gerichtet. In der Linken hielt er einen Flintkeil, noch roh geformt, und wenn der Holzstoß gleichmäßig brannte oder sonst nichts seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, richtete er einen kurzen Hirschgeweihstab gegen die oder jene Stelle des Steins und stemmte nach langer und genauer Berechnung einen Splitter ab, der ins Feuer flog. Darauf untersuchte er das Resultat – wog das Stück Flint, das ein Beil werden sollte, wie noch keines Menschen Blick es gesehen hatte, in der Hand, und prüfte es mit den Augen eindringlich von allen Seiten, während er den Hirschzinken wieder ansetzte und die Lage des nächsten Splitters berechnete, der ihm die Form, die er vor Augen sah, verbarg. Über seine rohen Züge ging ein schöpferisches Leuchten, ein visionärer Schein, wie er da saß und aus demStein ein Geräte hervorlockte; er funkelte vor Klugheit, während er so probierte und sich vorwärtstastete. Aber wenn er dann einen Splitter abstemmte, legte er darein eine Kraft, die das Hirschgeweih glatt durch das Hirn eines Mannes hätte treiben können. Er strammte den Rücken, als gält es einen Berg zu heben, just wenn es sich bloß um ein Stückchen Splitter, nur ein Stückchen, handelte. Eine Waffe sollte das werden – ohnegleichen! Dicht bei seinem Knie lag das Beil, mit dem er Holz fürs Feuer hieb; ein ärmlicher Steinscherben, ohne Form und Schneide; aber es war heilig, war ein Erbteil des Geschlechts, das sein Schicksal bestimmt hatte.

Dreng hieß er. Von Geburt an war er dazu geweiht, das Feuer zu hüten, gehörte zu der hoch angesehenen und gefürchteten Familie, deren Glieder alle das Vorrecht hatten, der Flam