: Johannes Vilhelm Jensen
: Olivia Marianne
: Books on Demand
: 9783753424071
: 1
: CHF 0.90
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 111
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Olivia Marianne" ist ein 1915 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus"Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

Olivia Marianne


An Buitenzorg auf Java, im Botanischen Garten, steht ein Grabmal, ein tempelartiger kleiner Bau im Stil der Empirezeit, nur ein rundes, offenes Dach getragen von weißen Säulen, darunter ein Grabstein mit einer Urne, alles in einfachen Linien, edel und still, ein Ton aus der Zeit unserer Urgroßväter, als Europa noch das alte, vornehme, seltsam naive, rührend-provinzielle Europa war. Das Monument wirkt wunderlich fremd hier, fern von seinem Zusammenhang, es steht so vereinsamt da draußen in der weiten Welt, von der unsere Urgroßväter nur ehrfürchtige, bewundernde Vorstellungen hatten, so vereinsamt mit seinem stummen Bericht von einer entschwundenen Zeit und von denen, die tot sind.

Turmhohe Palmen spenden Schatten darüber, rings ragen riesenhafte Bäume empor, Arten, die einem Europäer unbekannt sind, wenn er auch ihre Namen wissen müßte, eine gewaltige, überfruchtbareVegetation, ein Tropenpark, der wohl an den Garten Eden erinnern könnte. Aber hier sind weder wilde Tiere, die in Freiheit umhergehen, ohne einander zu fressen, noch das erste Menschenpaar im Zustand der Seligkeit. Die Bäume stehen da, als ob sie sich langweilen, und wachsen, wachsen; hier ist eine mächtige, geschulte und mit Etiketten versehene Fruchtbarkeit, aber leblos, ohne Seele. Nicht einmal Insekten scheinen hier zu sein, nur vereinzelt ein kleiner Singvogel, der sich irgendwo in den dichten Kronen versteckt und von Zeit zu Zeit einen dunkelgoldenen Ton hören läßt wie einen Tropfen Wohllaut in der Treibhausstille.

Der Banyanbaum wächst in die Luft hinauf, als ob er eine Insel im Blau bilden will, bedenkt sich aber und wächst wieder zur Erde hinab mit Luftwurzeln, hängenden Zweigen und Streben, er gleicht einem kleinen, gierigen Urwald, einem hungrigen, betrübten Baum, einem Mutterwald mit all seinen Jungen. Das Bambusgehölz schwillt in allen arsenikgrünen Farben und Nüancen, jeder »Grashalm« ist so dick wie ein Schenkel; die wunderbaren Königspalmen steigen kerzengerade empor wie hohe, schlanke Vasen aus Chrysopras; in einem stillen, lauen See schwimmt die Viktoria Regia, deren Blätter bekanntlich einKind tragen können; man findet hier jedes Tropengewächs, vom Kannenträger, der insektenfressend ist, bis zum Chinabaum, der das Fieber stillt, und der Vanille, die wir in Eis essen. Es ist unzweifelhaft der größte botanische Garten der Welt, ein Urwaldspark, der eine halbe oder ganze Quadratmeile bedeckt, und im Hintergrund ragt der prächtige vulkanische Berg Gunong Salak auf wie eine Kulisse, von paradiesischen Wolken gekrönt. Aber es fehlt hier an Natur, wohl wächst hier alles, aber es ist kein Leben. Die Natur ist ein Ensemble; wird nur Einzelnen und im Übermaß geboten, empört es die Seele. Man sieht keinen Menschen. Irgendein überarbeiteter Eingeborener fegt, wo schon gefegt ist, farbige schmutzige Kinder kommen und begaffen den Fremden, aber sonst ist's öde, und indem man hier umherwandelt, befällt einen stumme Melancholie, man empfindet all diese sinnlose, übersättigte Üppigkeit wie eine Gewalttat an einem Unschuldigen -, die gleiche, bösartige Reaktion, die fast an wilde Wut grenzt, wie man sie von Museen her kennt. In dieser barbarischen und trotz blendendem Sonnenschein düstern Tropenpracht wirkt das kleine weißgetünchte Grabmal in Empire unendlich verlassen und unendlich echt. Das einzige, was14

lindert, das einzige Vornehme in d