: Johannes Vilhelm Jensen
: Dr. Renaults Versuchung
: Books on Demand
: 9783753423685
: 1
: CHF 0.90
:
: Hauptwerk vor 1945
: German
: 213
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Dr. Renaults Versuchung" ist ein 1935 erschienener Roman des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet"Dr. Renaults Fristelser". Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus"Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

III


Ohne Übergang, wie er gestorben, jenseits aller menschlichen Kontrolle, erwachte Dr. Renault wieder. Ja, er erwachte wieder.

Es dauerte eine Weile, bevor er sich darüber klar war, daß er lebte und daß er es auch wirklich selbst war. Und da er nicht bezweifeln konnte, daß er das Zeitliche gesegnet hatte, so gab es nur eine Erklärung: Er war in ein anderes Dasein hinübergetreten. Hm.

Er blickte sich um, bewegte vorsichtig die Augen, ohne sich zu rühren. Er befand sich in einem roten, spärlich erleuchteten Raum scheinbar ohne Wände oder Grenzen. Sonst war sein Zimmer von der grünen Dämmerung der Nachtlampe erfüllt, hier aber war es so rot wie in einer Dunkelkammer. Auch sehr warm war es.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür an derselben Stelle wie in seinem Krankenzimmer, und er sah geradewegs in einen glühenden Ofen!

Dieser Anblick kam Dr. Renault doch ein wenig überraschend! Die Erkenntnis aber ließ nicht lange auf sich warten. Diesen Weg mußte er also gehen! Durfte er eigentlich etwas anderes erwarten, wenn es überhaupt so etwas gab? Die Ohren aber wurden ihm heiß.

Die Glut in der offenen Tür war so blendend, daß man den Eindruck eines unendlichen Raumes erhielt, einer Dimension jenseits aller menschlichen Vorstellung, und dennoch ganz deutlich. Dr. Renault schwebte etwas von der Ungewißheit der Überzeugung vor, die man zum Beispiel im Traum hat, wenn man fliegt und sich gleichzeitig darüber wundert, daß man diese Fähigkeit im wachen Zustand nicht besitzt. Von beidem aber war man fest überzeugt, Überzeugung ist absolut. Wo aber liegt die Wahrheit?

Dr. Renault, der die Gewohnheit hatte, allen Dingen auf den Grund zu gehen, war in seinen Betrachtungen bis hierher gekommen, als sich eine Gestalt aus der weißen Glut löste, und ein Mensch, von Flammen umzüngelt, sich seinem Bett näherte. Es war ein Mann unbestimmbaren Alters und von gewöhnlichem Äußern. Er ging ein wenig gebeugt, den Kopf eingezogen, so daß er auf den schmalen, abfallenden Schultern lag. Ein langer Mantel reichte ihm bis an die Fersen. Als der Mann sich höflich näherte, sah Dr. Renault, daß der graue, aschfarbene Mantel von klaren, blitzenden Fäden durchzogen war. In Wirklichkeit war es Marienglas. Der Stoff des Mantels ähnelte der alten Seide, die man Taft nennt, und der ganze Mantel war altmodisch im Schnitt, ohne Rockaufschlag, und vorn mit einer Reihe von Knöpfen, auch aus Marienglas. Es war die Mode aus Kants Zeit, vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Der Mann blieb vor dem Bett stehen, grüßte ein wenig linkisch und stellte sich vor:

»Asbest ist mein Name.«

Sogar das Gesicht war aschgrau, die Augen aber waren dunkel, merkwürdig lebendig und traten stark hervor, man sah fast den ganzen Augapfel. Der Blick hatte etwas Magisches, Selbstleuchtendes. Die Züge waren plump, das Untergesicht war groß und im Profil stark hervortretend.

»Gestatten Sie, daß ich ohne Umschweife zur Sache komme?« begann der Mann mit angenehmer, gedämpfter Stimme, die im Verhältnis zu seiner Statur überraschend tief und voll klang. »Ich möchte mir erlauben, Ihnen ein vorteilhaftes Geschäft vorzuschlagen.«

Und bevor Dr. Renault noch Zeit gehabt hatte zu antworten, räusperte er sich und fuhr fort:

»Ich weiß, Ihr heißester Wunsch ist in diesem Au